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Die drei Gesichter des Ichs

Wer bin ich? Eine scheinbar einfache Frage, auf die wir erstaunlich selten eine einfache Antwort finden. Wir kennen unseren Namen, unsere Herkunft, unseren Beruf und vielleicht auch unsere Stärken und Schwächen. Wir wissen, was wir besitzen, was wir erreicht haben und was andere über uns denken. Doch beschreibt all das tatsächlich den Menschen, der wir sind? Vielleicht beginnt die Schwierigkeit damit, dass wir nicht nur ein einziges Bild von uns selbst besitzen, sondern mindestens drei, die uns durch unser ganzes Leben begleiten.

Da ist zunächst der Mensch, der wir sind, mit seinen Fähigkeiten, Eigenheiten, Widersprüchen und Makeln. Daneben steht jener Mensch, der wir gerne wären: erfolgreicher, schöner, klüger, wohlhabender oder einfach glücklicher. Und schliesslich existiert noch ein drittes Bild, das sich aus den Blicken und Urteilen unserer Mitmenschen zusammensetzt. Es zeigt uns, wie andere uns wahrnehmen oder wie wir glauben, von ihnen wahrgenommen zu werden.

Diese drei Formen unseres Ichs müssen einander keineswegs widersprechen. Sie können uns helfen, uns weiterzuentwickeln, unsere Wirkung auf andere zu verstehen und unseren Platz in der Gemeinschaft zu finden. Schwierig wird es erst, wenn wir beginnen, eines dieser Bilder für wichtiger zu halten als den Menschen, den sie eigentlich beschreiben sollen. Dann entsteht eine eigentümliche Spannung. Wir leben nicht mehr einfach unser Leben, sondern versuchen, einem Bild zu entsprechen. Und je weiter sich dieses Bild von unserer Wirklichkeit entfernt, desto grösser wird die Anstrengung, den Abstand zu überwinden.

Vielleicht liegt gerade hier eine der wichtigsten Fragen für ein erfülltes Leben: Wie viel von uns selbst sind wir bereit aufzugeben, um jemand zu werden, der wir gar nicht sein müssen?

Ich, der ich bin

Am Anfang steht ein Mensch, der weder vollkommen sein muss noch frei von Fehlern sein kann. Er hat Eigenschaften, die er schätzt, und andere, mit denen er hadert. Er verfügt über Talente und Grenzen, über Erfahrungen, Erinnerungen, Hoffnungen und Ängste. Manche seiner Eigenheiten sind bewundernswert, andere weniger angenehm. Doch erst gemeinsam bilden sie seine Persönlichkeit. Sich selbst anzunehmen bedeutet deshalb nicht, alles an sich gutzuheissen. Wer seine Ungeduld kennt, darf versuchen, geduldiger zu werden. Wer einen Fehler begangen hat, kann ihn bereuen und daraus lernen. Selbstakzeptanz ist weder Selbstzufriedenheit noch ein Freibrief für Rücksichtslosigkeit. Sie bedeutet vielmehr, sich nicht erst dann als wertvollen Menschen anzuerkennen, wenn alle vermeintlichen Mängel beseitigt sind.

Bereits die antike Philosophie beschäftigte sich mit dieser Frage. Über dem Heiligtum des Apollon in Delphi stand die Aufforderung: «Erkenne dich selbst.» Diese wenigen Worte enthalten eine anspruchsvolle Aufgabe. Denn Selbsterkenntnis verlangt mehr als die Betrachtung unserer Vorzüge. Sie setzt die Bereitschaft voraus, auch jene Seiten wahrzunehmen, die nicht zu unserem Wunschbild passen. Wer sich selbst kennt, muss weniger Energie darauf verwenden, sich selbst etwas vorzumachen. Er kann zwischen dem unterscheiden, was ihm wirklich wichtig ist, und dem, was er lediglich für wichtig halten zu müssen glaubt.

Einen bemerkenswerten Zugang zu dieser Erkenntnis eröffnet das Leben des Franz von Assisi. Der um 1181 oder 1182 geborene Giovanni, Sohn des wohlhabenden Tuchhändlers Pietro di Bernardone, wuchs in einer Umgebung auf, in der Besitz, gesellschaftliche Stellung und wirtschaftlicher Erfolg eine wichtige Rolle spielten. Als junger Mann genoss er die Annehmlichkeiten seines Standes und träumte von einem angesehenen Leben. Doch nach Kriegserfahrungen, Gefangenschaft, Krankheit und einer längeren inneren Wandlung begann er, seine bisherigen Wertvorstellungen grundsätzlich infrage zu stellen. Schliesslich verzichtete er auf sein väterliches Erbe und entschied sich für ein Leben in freiwilliger Armut.

Für Franziskus bedeutete dieser Verzicht weit mehr als die Ablehnung materiellen Reichtums. Er war Ausdruck einer religiösen Überzeugung, die ihn dazu führte, seine Freiheit nicht länger aus seinem Besitz oder seiner gesellschaftlichen Stellung abzuleiten. Er wollte sich ganz dem Glauben, seinen Mitmenschen und der Schöpfung zuwenden. Was für seinen Vater und seine Zeitgenossen wie der Verlust einer gesicherten Zukunft aussehen musste, verstand Franziskus als Befreiung von einer Lebensform, die nicht mehr seinen inneren Überzeugungen entsprach.

Man muss weder seinen Glauben teilen noch seine radikale Armut nachahmen, um darin eine zeitlose Erkenntnis zu entdecken. Franziskus verzichtete nicht einfach auf etwas, das ihm lieb geworden war. Er verzichtete auf eine gesellschaftlich vorgezeichnete Vorstellung davon, wer er sein sollte. Sein Verzicht war damit nicht Ausdruck mangelnden Ehrgeizes, sondern die bewusste Entscheidung für einen anderen Massstab. Materielle Sicherheit schützt vor Abhängigkeit, Armut kann Freiheit zerstören, und Eigentum ermöglicht durchaus ein selbstbestimmtes Leben. Für unsere Überlegungen ist deshalb weniger das Ausmass seines Verzichts entscheidend als dessen Richtung: Er gab auf, was seiner Vorstellung eines sinnvollen Lebens im Wege stand, statt sein Leben weiterhin nach den Erwartungen seiner Herkunft auszurichten.

Hier zeigt sich ein wesentlicher Unterschied zwischen haben wollen und sein wollen. Wer seinen Wert vorwiegend aus dem bezieht, was er besitzt, benötigt immer wieder neue Bestätigungen. Wer dagegen weiss, wer er ist und was seinem Leben Sinn gibt, kann sich über das Erreichte freuen, ohne sich durch das Nichterreichte entwertet zu fühlen. Innerer Frieden entsteht nicht zwangsläufig dort, wo alle Wünsche erfüllt sind. Vielleicht beginnt er vielmehr dort, wo wir aufhören, unsere Existenz ständig rechtfertigen zu müssen.

Ich, der ich gerne wäre

So selbstverständlich wir uns nach Zufriedenheit sehnen, so schwer fällt es uns, beim Erreichten stehen zu bleiben. Wir vergleichen uns mit anderen, entdecken deren Vorzüge und erkennen darin, was uns vermeintlich fehlt. Der Nachbar besitzt das schönere Haus, der Arbeitskollege verdient mehr, die Freundin wirkt jünger und ein ehemaliger Schulfreund scheint beruflich weiter gekommen zu sein. Dabei ist der Vergleich keineswegs grundsätzlich schädlich. Er kann uns inspirieren, neue Möglichkeiten sichtbar machen und dazu anregen, eigene Fähigkeiten zu entfalten. Problematisch wird er erst, wenn wir aus den Unterschieden zwischen Menschen eine Rangordnung ihres Wertes ableiten.

Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard beschäftigte sich intensiv mit der Frage, wie der Mensch zu sich selbst findet und woran er innerlich scheitern kann. Ein ihm häufig zugeschriebener Gedanke besagt sinngemäss, dass der Vergleich das Ende des Glücks und den Anfang der Unzufriedenheit markiere. Auch wenn dieser Wortlaut nicht als authentisches Zitat gesichert ist, beschreibt er eine Erfahrung, die vermutlich jeder kennt. Solange wir uns an unseren eigenen Möglichkeiten und Bedürfnissen orientieren, können wir mit dem Erreichten zufrieden sein. Beginnen wir dagegen, unseren Wert an den Erfolgen anderer zu messen, verschiebt sich unser Massstab unablässig. Es wird fast immer jemanden geben, der mehr besitzt, mehr erreicht hat oder in irgendeiner Hinsicht überlegen erscheint.

Besonders bemerkenswert ist, wie leicht wir dabei das Ziel mit dem Mittel verwechseln. Wir wünschen uns ein grösseres Haus, weil wir uns davon ein schöneres Leben versprechen. Wir streben nach Wohlstand, weil er Sicherheit und Freiheit ermöglichen soll. Wir wollen Anerkennung, weil wir glauben, uns dadurch wertvoller zu fühlen. An diesen Wünschen ist zunächst nichts Verwerfliches. Doch wenn wir das Mittel immer weiter steigern, ohne zu prüfen, ob es unserem eigentlichen Ziel noch dient, kann sich das Verhältnis ins Gegenteil verkehren. Das grössere Haus verlangt mehr Unterhalt, der erworbene Wohlstand mehr Verantwortung und der berufliche Erfolg immer grössere Opfer. Was Freiheit schaffen sollte, beginnt sie einzuschränken.

Die Sozialwissenschaftlerin und Autorin Marianne Gronemeyer geht in ihrem Buch Die Macht der Bedürfnisse – Überfluss und Knappheit noch einen Schritt weiter. Sie stellt infrage, ob wir unsere Bedürfnisse tatsächlich so selbstbestimmt entwickeln, wie wir glauben. Ihre Überlegungen zeigen ein grundlegendes Paradox moderner Konsumgesellschaften: Wir gehen davon aus, dass die Wirtschaft unsere Bedürfnisse befriedigt, übersehen dabei aber leicht, dass sie auch neue Bedürfnisse hervorbringt und bestehende verstärkt. Was gestern noch als entbehrlicher Luxus galt, kann uns heute als unverzichtbarer Bestandteil eines guten Lebens erscheinen.

Eine Gesellschaft, die uns immer mehr Möglichkeiten bietet, muss uns deshalb nicht zwangsläufig zufriedener machen. Jeder erfüllte Wunsch kann den Blick auf einen neuen lenken, jeder Fortschritt einen weiteren Massstab schaffen. Aus dem einstigen Luxus wird die Selbstverständlichkeit, aus der Selbstverständlichkeit eine Erwartung und aus der Erwartung nicht selten ein Anspruch. So entsteht ein Überfluss an Möglichkeiten, der paradoxerweise das Gefühl des Mangels verstärken kann.

Vielleicht übersehen wir bei unserem Streben nach immer neuen Dingen eine bemerkenswerte Eigenschaft des menschlichen Glücks. Wir können uns über etwas freuen, das wir noch gar nicht besitzen. Wir träumen von einer Reise, einem besonderen Erlebnis oder einer Anschaffung und geniessen in Gedanken bereits einen Teil dessen, was wir uns davon versprechen. Wir malen uns aus, wie es sein könnte, lassen unserer Fantasie freien Lauf und empfinden dabei echte Freude. Nicht der Gegenstand selbst macht uns in solchen Augenblicken glücklich, sondern die Geschichte, die wir mit ihm zu erleben hoffen.

Diese Vorfreude ist ein eigenständiges Glücksgefühl. Sie braucht weder Besitz noch Gewissheit, dass sich unser Wunsch jemals erfüllen wird. Wird er Wirklichkeit, endet die Vorfreude auf dieses bevorstehende Ereignis. An ihre Stelle treten die Erfahrung und später die Erinnerung. Verzichten wir dagegen auf die Erfüllung, verblasst auch die Vorfreude mit der Zeit. Doch unsere Fähigkeit, uns an einer erhofften Zukunft zu erfreuen, bleibt bestehen. Ein neuer Wunsch, ein neuer Traum oder eine wiederkehrende Sehnsucht können sie erneut wecken.

Darin liegt eine Freiheit, die wir im Drang nach rascher Bedürfnisbefriedigung leicht übersehen. Wir müssen nicht jeden Wunsch erfüllen, um durch ihn glücklich geworden zu sein. Manchmal genügt bereits die Vorfreude, manchmal entscheiden wir uns für die Verwirklichung, und manchmal erkennen wir, dass uns anderes wichtiger ist. Ein bewusster Verzicht nimmt uns die bereits empfundene Freude nicht mehr weg. Er kann uns sogar davor bewahren, ihr durch immer neue Anschaffungen hinterherzujagen.

Vielleicht besteht ein Teil der Lebenskunst darin, Wünsche haben zu dürfen, ohne sich von ihnen beherrschen zu lassen. Wir müssen weder unsere Träume aufgeben noch sie um jeden Preis verwirklichen. Wir dürfen sie geniessen, solange sie uns begleiten, und sie wieder loslassen, wenn ihre Zeit vorüber ist. Denn nicht jeder unerfüllte Wunsch ist ein Mangel und nicht jede unterlassene Anschaffung ein Verlust.

Vorfreude braucht keinen Besitz. Sie ist bereits ein Stück Glück.

Wie tiefgreifend sich unser Verhältnis zu Wünschen und Besitz verändert hat, zeigt ein Blick auf die Geschichte des privaten Hausrats. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verfügten viele einfache Haushalte über einen vergleichsweise bescheidenen Bestand an Möbeln, Kleidung, Küchengeräten und Werkzeugen. Diese Dinge waren kostbar, wurden repariert, weitergegeben und möglichst lange verwendet. Heute dagegen können sich in einem einzigen Haushalt Tausende oder sogar Zehntausende Gegenstände ansammeln. Zwar lässt sich daraus kein verlässlicher historischer Durchschnitt ableiten, doch der materielle Wandel ist unverkennbar. Der technische Fortschritt hat unseren Alltag erleichtert, körperliche Belastungen verringert und uns einen Wohlstand ermöglicht, von dem frühere Generationen nur träumen konnten.

Doch unser Besitz verlangt auch etwas von uns. Blumen möchten gegossen werden, das Auto muss gewartet, das Haus unterhalten und der Garten gepflegt werden. Elektronische Geräte benötigen Aktualisierungen und gelegentlich Reparaturen. Kleidung muss gewaschen, Geschirr gereinigt und manches, das wir gar nicht mehr benötigen, dennoch aufbewahrt werden. Selbst Gegenstände, die kaum Pflege verlangen, beschäftigen uns zumindest bei ihrer Anschaffung und irgendwann erneut bei der Entscheidung, ob wir sie behalten, weitergeben oder entsorgen wollen. Dazwischen beanspruchen sie Raum, möglicherweise Geld und gelegentlich unsere Aufmerksamkeit.

Wer schon einmal einen Haushalt aufgelöst hat, kennt die eigentümliche Erfahrung, vor einer Vielzahl von Gegenständen zu stehen, die irgendwann einmal mit einer Absicht erworben wurden. Manche wecken schöne Erinnerungen, andere erscheinen plötzlich bedeutungslos. Vieles war einmal wichtig, manches sogar unentbehrlich. Nun muss entschieden werden, was damit geschehen soll. Häufig zeigt sich erst in diesem Augenblick, wie viel Zeit und Aufmerksamkeit wir Dingen gewidmet haben, deren Bedeutung längst verblasst ist.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, wie viele Dinge ein Mensch besitzen darf. Sie lautet vielmehr, wie viel seines Lebens er bereit ist, für seinen Besitz einzusetzen. Wer ein grosses Anwesen liebt und Freude an dessen Pflege hat, muss diese Zeit keineswegs als verloren betrachten. Wer sich dagegen ein Anwesen vor allem deshalb wünscht, weil es Erfolg und gesellschaftliches Ansehen verkörpert, läuft Gefahr, zum Verwalter seines eigenen Statussymbols zu werden.

Wir besitzen unsere Dinge nicht nur. In gewissem Sinne nehmen auch unsere Dinge uns in Besitz.

Der Markt, der niemals schläft

Nicht alle unsere Wünsche entstehen aus einem tatsächlichen Bedürfnis. Manche werden uns erst bewusst gemacht, andere regelrecht eingeredet. Die Werbung hat längst gelernt, nicht nur Produkte zu verkaufen, sondern Vorstellungen eines besseren Lebens. Ein Auto verspricht Freiheit, eine Uhr Erfolg, eine Kosmetiklinie ewige Jugend. Ein neues Smartphone macht uns moderner, eine bestimmte Kleidermarke begehrenswerter, ein exklusives Ferienziel glücklicher. Was wir gestern noch nicht kannten, scheint uns heute bereits zu fehlen.

Werbung möchte verkaufen. Sie will Aufmerksamkeit. Sie will überzeugen. Sie will Bedürfnisse wecken, Erwartungen verändern, Begehrlichkeiten schaffen. Und sie will das möglichst schnell. Jetzt entdecken. Heute bestellen. Nur noch wenige verfügbar. Die Gelegenheit nicht verpassen. Andere haben es bereits. Warum nicht auch wir? Ein besseres Leben wartet. Ein schöneres Ich. Ein erfolgreicheres Ich. Alles scheint möglich, alles scheint erreichbar. Wir müssen nur zugreifen.

Dabei hat die Werbung ein fragwürdiges Verhältnis zur Wahrheit. Sie muss nicht unbedingt lügen, um uns in die Irre zu führen. Es genügt, die Wirklichkeit geschickt auszuwählen, Vorteile hervorzuheben, Nachteile zu verschweigen und Hoffnungen zu wecken, die ein Produkt niemals erfüllen kann. Wir sehen glückliche Menschen, makellose Körper, erfolgreiche Familien, sorglose Ferien und ein Leben voller Möglichkeiten. Die Mühen des Alltags, die Sorgen, die Enttäuschungen und die unvermeidlichen Unvollkommenheiten menschlicher Existenz bleiben ausserhalb des Bildes. Nicht unbedingt, weil sie geleugnet werden, sondern weil sie sich schlechter verkaufen lassen.

In diesem Sinne lässt sich die Werbung als eine Wegbereiterin jener Kommunikationsformen betrachten, deren manipulative Wirkung wir heute unter dem Begriff Fake News diskutieren. Nicht weil jede Werbung unwahr wäre oder die moderne Werbung die Täuschung erfunden hätte, sondern weil sie die gezielte Inszenierung von Wirklichkeit zu einer alltäglichen Praxis gemacht hat. Ihr Ziel ist nicht die möglichst vollständige Erkenntnis, sondern die gewünschte Wirkung. Und wo die Grenze zwischen Information, Unterhaltung und kommerzieller Beeinflussung verschwindet, wird es zunehmend schwieriger, sich ein unabhängiges Urteil zu bilden.

Dabei ist die ständige Gegenwart der Werbung eine vergleichsweise junge Erscheinung. Als 1965 in der Schweiz die Fernsehwerbung eingeführt wurde, war ihre Dauer zunächst auf zwölf Minuten täglich begrenzt. An Sonn- und Feiertagen war sie verboten. Diese Einschränkung fiel erst 1992. Ich erinnere mich noch an eine Zeit, in der es selbstverständlich war, dass die Werbung irgendwann aufhörte. Es gab Zeiten, in denen zumindest das Fernsehen dem Markt eine Pause auferlegte.

Heute schweigt er kaum noch. Er begleitet uns beim Frühstück, auf dem Weg zur Arbeit, während der Mittagspause und bis spät in die Nacht. Er meldet sich auf dem Smartphone, unterbricht Videos, mischt sich in Nachrichten, erscheint zwischen den Beiträgen unserer Freunde. Er kennt unsere Interessen, beobachtet unser Verhalten, versucht unsere Wünsche vorherzusagen. Er wirbt, empfiehlt, erinnert, drängt. Ein Sonderangebot. Eine neue Gelegenheit. Ein Produkt, das wir unbedingt kennen sollten. Ein Erlebnis, das wir nicht verpassen dürfen. Kaum haben wir einen Wunsch erfüllt, steht der nächste bereit. Mehr Auswahl, mehr Möglichkeiten, mehr Versprechen. Schneller entscheiden, schneller kaufen, schneller weiter. Was gestern neu war, ist heute veraltet. Was heute genügt, soll morgen besser sein.

Und immer geht es um etwas, das uns noch fehlt.

Dabei bezahlen wir nicht ausschliesslich mit Geld. Hinter dem Geld steht gewöhnlich Arbeitszeit, und damit ein Teil unserer Lebenszeit. Hinzu kommt die Aufmerksamkeit, die wir den Angeboten widmen, die Zeit für Entscheidungen und die Beschäftigung mit Dingen, die wir zuvor vielleicht gar nicht vermisst haben. Die immer neuen Wünsche halten uns in Bewegung, ohne dass wir uns zwangsläufig unserem erhofften Glück nähern.

Vielleicht ist es deshalb an der Zeit, dem unablässigen Werben um unsere Aufmerksamkeit etwas entgegenzusetzen. Nicht noch mehr Eile. Nicht noch mehr Selbstoptimierung. Nicht die nächste Methode, mit der wir in kürzerer Zeit noch mehr erreichen können.

Sondern Ruhe.

Eine Ruhe, die nichts von uns verlangt. Die keinen Erfolg verspricht und keine Verbesserung unserer Persönlichkeit voraussetzt. Eine Zeit, in der wir nicht leisten, vergleichen oder konsumieren müssen. In der wir nicht daran arbeiten, jemand anderes zu werden, sondern einfach der Mensch sein dürfen, der wir sind.

Wir haben beinahe vergessen, welchen Wert der Müssiggang besitzen kann. Nicht die erschöpfte Untätigkeit, die uns nach einem überfüllten Tag bleibt, sondern das bewusste Nichtstun. Ein Spaziergang ohne Ziel. Ein Nachmittag, an dem nichts erledigt werden muss. Ein Gespräch, das nicht auf die Uhr schaut. Oder einfach das stille Betrachten einer Landschaft, ohne den Augenblick festhalten, bewerten oder mit anderen teilen zu wollen.

Solche Stunden erscheinen in einer auf Leistung und Verwertung ausgerichteten Gesellschaft beinahe verdächtig. Wir könnten die Zeit doch sinnvoller nutzen, etwas erledigen, etwas lernen, etwas verbessern. Selbst unsere Erholung soll möglichst effizient sein, damit wir anschliessend wieder leistungsfähiger werden. Dabei liegt gerade im zweckfreien Müssiggang eine Freiheit, die sich jeder wirtschaftlichen Verwertung entzieht. Sein Wert besteht nicht darin, dass er uns produktiver macht. Sein Wert liegt darin, dass wir für einen Augenblick nicht produktiv sein müssen.

In der Stille verliert das Dringliche manchmal seine Bedeutung. Die Wünsche, die uns eben noch unentbehrlich erschienen, werden kleiner. Wir beginnen zu unterscheiden zwischen dem, was wir wirklich benötigen, und dem, was nur unsere Aufmerksamkeit gefordert hat. Und vielleicht entdecken wir dabei, dass uns nicht so viel fehlt, wie man uns glauben machen möchte.

Aktiver Verzicht kann hier bedeuten, dem Markt einen Teil unseres Lebens bewusst zu entziehen. Das Smartphone beiseitezulegen, einen Kaufwunsch ruhen zu lassen oder sich einen Tag zu gönnen, an dem nichts erreicht werden soll. Nicht als weitere Übung zur Selbstoptimierung, sondern als Ausdruck persönlicher Freiheit.

Manchmal müssen wir nicht mehr aus unserem Leben machen. Manchmal sollten wir ihm einfach mehr Raum lassen.

Ich, wie die anderen mich sehen

Lange bevor die Menschen über Smartphones, Fotografien oder die heute selbstverständlichen Glasspiegel verfügten, beschäftigten sie sich mit ihrem Aussehen. Schönheit war nie ausschliesslich eine Frage des persönlichen Geschmacks. Sie konnte Zugehörigkeit ausdrücken, Wohlstand sichtbar machen, religiöse Bedeutungen tragen oder gesellschaftlichen Rang unterstreichen. Schon im alten Ägypten verwendeten Frauen und Männer Augenschminke, Öle und andere kosmetische Mittel. In Griechenland und Rom entwickelten sich eigene Schönheitsvorstellungen, die auch durch die gesellschaftliche Stellung geprägt waren. Eine helle Haut galt in manchen Epochen als Zeichen dafür, dass jemand nicht unter freiem Himmel arbeiten musste. Was als schön empfunden wurde, war also häufig nicht nur eine Frage der Ästhetik, sondern ebenso ein Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse.

Doch wie nahm ein Mensch sein eigenes Aussehen wahr, als es noch keine Spiegel in jedem Haus gab? Natürlich war man auch damals nicht vollständig auf die Beschreibungen anderer angewiesen. Ruhiges Wasser, poliertes Metall und später Glasspiegel ermöglichten die Betrachtung des eigenen Gesichts. Spiegel aus bearbeitetem Metall waren bereits in frühen Hochkulturen bekannt. Ein modernes, klares und jederzeit verfügbares Spiegelbild war für die meisten Menschen jedoch über lange Zeit keine Selbstverständlichkeit.

Man stelle sich vor, wie anders die Beziehung zum eigenen Äusseren gewesen sein muss. Wer sein Gesicht nur gelegentlich und vielleicht verzerrt in einer spiegelnden Oberfläche erkannte, konnte es nicht mit derselben Genauigkeit und Häufigkeit kontrollieren wie wir heute. Das eigene Erscheinungsbild war zu einem erheblichen Teil etwas, das andere Menschen wahrnahmen. Möglicherweise war die eigene Schönheit deshalb weniger Gegenstand fortwährender Selbstbeobachtung. Das bedeutet freilich nicht, dass frühere Menschen weniger eitel oder zufriedener gewesen wären. Auch ohne Spiegel konnte man wissen, wer als schön galt, wer bewundert wurde und wer sich gesellschaftlicher Anerkennung erfreute. Der Blick der anderen war schon damals ein mächtiger Spiegel.

Wie verhängnisvoll dieser Blick werden kann, erzählt der griechische Mythos von Narziss. Der aussergewöhnlich schöne Jüngling, dessen Geschichte Ovid in seinen Metamorphosen schildert, entdeckt sein Spiegelbild in einer klaren Wasserquelle. Er verliebt sich in die Gestalt, die ihm entgegenblickt, ohne zunächst zu erkennen, dass er sich selbst betrachtet. Unfähig, sich von diesem Bild zu lösen, verzehrt er sich in unerfüllbarer Sehnsucht.

Die Geschichte ist weit mehr als eine Warnung vor übertriebener Eitelkeit. Narziss verliebt sich nicht in den Menschen, der er ist, sondern in ein Bild, das er nicht erreichen kann. Er betrachtet eine Oberfläche und verwechselt sie mit dem Wesen dahinter. Darin liegt eine bemerkenswerte Parallele zu unserer Gegenwart. Wir haben den unsicheren Wasserspiegel durch immer vollkommenere technische Möglichkeiten ersetzt. Wir können unser Gesicht aus jedem Winkel betrachten, fotografieren, verändern, retuschieren und der Öffentlichkeit präsentieren. Was Narziss nur im stillen Wasser sehen konnte, tragen wir heute in der Hosentasche.

Eine literarische Fortsetzung dieses Gedankens findet sich in Oscar Wildes Roman Das Bildnis des Dorian Gray, der 1890 erstmals veröffentlicht wurde. Der junge Dorian ist von aussergewöhnlicher Schönheit. Als ein Maler sein Porträt anfertigt, wird ihm schmerzlich bewusst, dass seine Jugend vergänglich ist, während das Bild seine Schönheit bewahren wird. In einem folgenschweren Wunsch verlangt er, dass nicht er selbst, sondern sein Porträt altern möge. Und tatsächlich bleibt Dorians äussere Erscheinung unverändert, während das Bild mit jedem Jahr und unter dem Einfluss seiner moralischen Verfehlungen zunehmend entstellt wird.

Dorian erhält damit etwas, wovon viele Menschen träumen: die dauerhafte Bewahrung seiner Jugend und Schönheit. Doch der scheinbare Triumph über die Vergänglichkeit entwickelt sich zu einem Gefängnis. Während andere weiterhin den schönen, jungen Mann bewundern, wird das verborgene Porträt zum Zeugnis dessen, was er tatsächlich geworden ist. Dorian muss es vor fremden Blicken verstecken, und je grösser der Abstand zwischen seiner Erscheinung und seinem inneren Zustand wird, desto bedrohlicher wird die Wahrheit, die das Bild offenbart.

Beide Geschichten erinnern uns daran, dass die äussere Erscheinung niemals mit dem ganzen Menschen gleichzusetzen ist. Das Bild kann bewundert, verändert und bewahrt werden. Doch es vermag nicht die Persönlichkeit zu ersetzen, die es darstellen soll.

In unserer Gegenwart erhalten diese Geschichten eine neue Bedeutung. Das digitale Bild kann verändert werden, bis es unseren Vorstellungen entspricht. Kleine Makel verschwinden, Falten werden geglättet, Körperformen korrigiert und Gesichter an Schönheitsideale angepasst. Die Möglichkeiten reichen von harmlosen Verbesserungen bis zur Erschaffung einer Erscheinung, die mit unserem tatsächlichen Aussehen nur noch wenig gemeinsam hat. Je überzeugender dieses Bild wird, desto grösser kann jedoch der Abstand zu jenem Menschen werden, dem wir jeden Morgen im Badezimmer begegnen.

Es wäre allerdings zu einfach, daraus zu schliessen, die moderne Kosmetik oder die sozialen Medien seien die Ursache unserer Unzufriedenheit. Der Wunsch, schön zu sein, gehört ebenso zur menschlichen Kultur wie das Bedürfnis nach Anerkennung. Wer sich schminkt, schön kleidet oder sein Äusseres pflegt, muss damit keineswegs versuchen, jemand anderes zu sein. Die Freude an der eigenen Erscheinung kann ein selbstbestimmter Ausdruck der Persönlichkeit sein. Entscheidend ist vielmehr, weshalb wir es tun. Pflegen wir uns, weil wir Freude daran haben, oder weil wir fürchten, ohne diese Pflege nicht mehr zu genügen? Folgen wir einer Mode, weil sie uns gefällt, oder weil wir nicht auffallen möchten? Verändern wir unser Aussehen aus freiem Entschluss oder unter dem stillen Druck fremder Erwartungen?

Hier beginnt die dritte Form unseres Ichs, eine besondere Macht zu entfalten. Denn das Bild, das andere von uns haben, entsteht nicht allein durch unsere Erscheinung. Es wird auch durch unser Verhalten, unsere Worte, unsere Entscheidungen und unsere Haltung geprägt. Wir möchten als freundlich, erfolgreich, zuverlässig, attraktiv oder kompetent wahrgenommen werden. Das ist verständlich, denn wir Menschen sind soziale Wesen. Anerkennung schafft Zugehörigkeit, und die Meinung anderer kann uns wertvolle Hinweise auf unser eigenes Verhalten geben. Doch zwischen einem guten Rat und einer fremden Erwartung liegt ein wesentlicher Unterschied.

Wer uns wohlgesinnt ist, kann uns auf Fehler aufmerksam machen, die wir selbst nicht erkennen. Wer nur seine eigenen Vorstellungen bestätigt sehen möchte, wird dagegen versuchen, uns in eine bestimmte Richtung zu lenken. Beides kann sich ähnlich anhören. Deshalb ist nicht nur wichtig, was andere über uns sagen, sondern auch, weshalb sie es sagen und welche Bedeutung wir ihrem Urteil beimessen. Ein aufrichtiger Freund, der uns widerspricht, kann für unsere Entwicklung wertvoller sein als hundert Menschen, die uns Zustimmung schenken. Umgekehrt kann das Urteil einer anonymen Öffentlichkeit erstaunlich viel Gewicht erhalten, obwohl sie kaum etwas über unser tatsächliches Leben weiss.

In den sozialen Medien verschärft sich dieses Missverhältnis. Dort begegnen wir einer Welt, in der Menschen bevorzugt zeigen, worauf sie stolz sind. Erfolge werden veröffentlicht, glückliche Augenblicke festgehalten, besondere Erlebnisse geteilt. Die Sorgen, Enttäuschungen und alltäglichen Schwierigkeiten bleiben dagegen häufig unsichtbar. Wir vergleichen also nicht nur unser Leben mit dem Leben anderer. Wir vergleichen unsere gesamte Wirklichkeit mit einer Auswahl fremder Höhepunkte. Zugleich wächst die Versuchung, auch das eigene Leben entsprechend darzustellen. Wir zeigen, was Anerkennung verspricht, und verbergen, was unserem gewünschten Bild widersprechen könnte. Allmählich kann eine Persönlichkeit entstehen, die zwar von anderen bewundert wird, deren Darstellung aber immer mehr Anstrengung verlangt.

Die Frage lautet dann nicht mehr: Wer bin ich? Sondern: Wie muss ich sein, damit andere mich mögen?

An diesem Punkt droht Authentizität zu einem merkwürdigen Schauspiel zu werden. Selbst das Bemühen, möglichst natürlich, unabhängig oder individuell zu erscheinen, kann einer gesellschaftlichen Erwartung folgen. Man möchte unbedingt anders sein und orientiert sich dabei an Menschen, die ebenfalls anders sein möchten. Vielleicht bedeutet Authentizität deshalb weniger, sich möglichst unverwechselbar darzustellen, als vielmehr, sich nicht ständig darstellen zu müssen.

Wenn die drei Ichs gegeneinander kämpfen

Solange sich unsere drei Selbstbilder ergänzen, können sie zu einem erfüllten Leben beitragen. Der Mensch, der wir sind, bildet die Grundlage. Der Mensch, der wir gerne wären, gibt uns Ziele. Und das Bild, das andere von uns haben, hilft uns, unsere Wirkung auf die Gemeinschaft zu verstehen. Geraten diese Bilder jedoch aus dem Gleichgewicht, beginnen sie miteinander zu konkurrieren.

Wer dem angestrebten Ideal die grösste Bedeutung gibt, wird im gegenwärtigen Ich vor allem die eigenen Unzulänglichkeiten erkennen. Jeder erreichte Fortschritt verliert rasch seinen Wert, weil bereits das nächste Ziel wartet. Wer dagegen die Wahrnehmung anderer über alles stellt, macht seine Zufriedenheit von deren Zustimmung abhängig. Besonders belastend wird es, wenn beide Ansprüche zusammenkommen: Wir möchten jemand sein, der wir noch nicht sind, und zugleich von anderen für diesen Menschen gehalten werden. Dann müssen wir nicht nur an unserer vermeintlichen Unvollkommenheit arbeiten, sondern auch den Eindruck aufrechterhalten, wir hätten sie bereits überwunden.

Die Spannungen zwischen unseren Selbstbildern bleiben nicht immer auf das Gefühl beschränkt, unzufrieden oder unzulänglich zu sein. Sie können tief in unser Leben eingreifen, unsere Beziehungen belasten und unsere Gesundheit beeinträchtigen. Besonders deutlich wird dies in einer Gesellschaft, in der beruflicher Erfolg, Leistungsfähigkeit und wirtschaftliche Selbstständigkeit häufig nicht nur als erstrebenswerte Ziele, sondern beinahe als Voraussetzungen persönlicher Anerkennung erscheinen. Wir sollen erfolgreich sein, Verantwortung übernehmen, uns weiterentwickeln, belastbar bleiben und möglichst nie den Anschluss verlieren.

Dabei beginnt die Überforderung häufig nicht mit einem äusseren Zwang. Wir haben gesellschaftliche Erwartungen längst zu unseren eigenen gemacht. Wir verlangen von uns selbst, was wir möglicherweise niemals von einem anderen Menschen verlangen würden. Wir gestehen anderen Fehler zu, verzeihen ihnen Misserfolge und ermutigen sie, nach einer Niederlage neu anzufangen. Uns selbst begegnen wir dagegen mitunter mit einer Härte, die wenig Raum für Schwäche lässt. Aus einem beruflichen Rückschlag wird dann nicht einfach die Erfahrung, dass etwas misslungen ist, sondern der vermeintliche Beweis, selbst versagt zu haben.

Besonders gefährlich wird diese Entwicklung, wenn der berufliche Erfolg zur tragenden Säule unserer Identität geworden ist. Wer sich vor allem über seine Arbeit definiert, verliert bei einer Kündigung, einer geschäftlichen Niederlage oder dem unfreiwilligen Ende seiner Karriere nicht nur Einkommen und Sicherheit. Er kann auch das Gefühl verlieren, gebraucht zu werden und einen anerkannten Platz in der Gesellschaft einzunehmen. Kommen finanzielle Verpflichtungen und Existenzängste hinzu, kann sich eine bedrückende Spirale entwickeln. Der Mensch, der wir gerne wären, erscheint zunehmend unerreichbar, während der Mensch, der wir sind, immer weniger unseren eigenen Erwartungen genügt.

Solche Belastungen können zu chronischer Erschöpfung, Burn-out und psychischen Erkrankungen beitragen. Eine Depression lässt sich allerdings nicht einfach auf überhöhten Ehrgeiz oder gesellschaftlichen Leistungsdruck zurückführen. Sie ist eine ernsthafte Erkrankung, bei deren Entstehung biologische, psychologische und soziale Faktoren zusammenwirken. Ebenso ist ein Suizid niemals mit einer einzigen Enttäuschung oder einem einzelnen Misserfolg zu erklären. Dennoch dürfen wir nicht übersehen, dass anhaltender Stress, Existenzängste, erlebter Kontrollverlust und das Gefühl eigener Wertlosigkeit Menschen in schwere Krisen führen können. Im schlimmsten Fall kann die Verzweiflung so gross werden, dass sie keinen Ausweg mehr erkennen. Gerade deshalb ist es wichtig, psychische Krisen ernst zu nehmen, Hilfe zugänglich zu machen und den Wert eines Menschen nicht an seine Leistungsfähigkeit zu knüpfen.

Ein besonders anschauliches Beispiel für die enge Verbindung von Leistung und Identität bietet der Spitzensport. Wer im internationalen Wettbewerb bestehen möchte, muss bereit sein, aussergewöhnliche Anstrengungen auf sich zu nehmen. Jahre intensiven Trainings, strenge Tagesabläufe, körperliche Belastungen und der Verzicht auf viele Erfahrungen, die für Gleichaltrige selbstverständlich sind, gehören häufig dazu. Während andere Jugendliche Freundschaften pflegen, ausgehen oder neue Interessen entdecken, verbringen angehende Spitzensportler einen beträchtlichen Teil ihrer Jugend in Trainingshallen, Schwimmbädern oder auf Sportplätzen. Sie lernen Disziplin, Ausdauer und den Umgang mit Niederlagen. Eigenschaften, die ihnen auch ausserhalb des Sports wertvolle Dienste leisten können.

Doch diese aussergewöhnliche Konzentration auf ein Ziel hat möglicherweise ihren Preis. Wer von Kindheit an fast ausschliesslich darauf vorbereitet wird, in einer bestimmten Sportart erfolgreich zu sein, läuft Gefahr, seine gesamte Persönlichkeit mit dieser Aufgabe zu verbinden. Er ist nicht einfach ein Mensch, der hervorragend schwimmen, laufen oder Tennis spielen kann. Er wird zum Schwimmer, Läufer oder Tennisspieler, dessen Tagesablauf, gesellschaftliche Anerkennung und Selbstwertgefühl eng mit seinen sportlichen Leistungen verflochten sind.

Dann kommt irgendwann der Tag, an dem die Karriere endet. Für manche ist es ein bewusst gewählter und freudig erwarteter Übergang in einen neuen Lebensabschnitt. Andere werden durch Verletzungen, nachlassende Leistungen oder Altersgrenzen dazu gezwungen. Was bis dahin den Alltag bestimmt und dem Leben Struktur verliehen hat, fällt plötzlich weg. Der Applaus verstummt, die Wettkämpfe verschwinden aus dem Kalender und die Ziele, für die man über Jahre gearbeitet hat, verlieren ihre Bedeutung. Ein Mensch, der gelernt hat, Niederlagen im Wettkampf zu verkraften, muss nun möglicherweise eine ganz andere Herausforderung bewältigen: Er muss herausfinden, wer er ohne den Wettkampf ist.

Nicht jeder Spitzensportler erlebt diesen Übergang als Krise. Viele finden neue Aufgaben, entdecken andere Interessen und gewinnen Freiheiten zurück, auf die sie während ihrer Karriere verzichten mussten. Doch gerade bei Menschen, deren gesamte Identität auf sportlichem Erfolg beruhte, kann das Karriereende mit Orientierungslosigkeit und Selbstzweifeln verbunden sein. Was sie im Sport so erfolgreich gemacht hat, die kompromisslose Konzentration auf ein einziges Ziel, kann ihnen beim Übergang in ein anderes Leben im Wege stehen.

Das Beispiel des Spitzensports macht einen Widerspruch sichtbar, der keineswegs nur erfolgreiche Athleten betrifft. Wir bewundern Menschen dafür, dass sie alles einem grossen Ziel unterordnen. Wir feiern ihre Disziplin und ihre Bereitschaft, persönliche Opfer zu bringen. Aber wir fragen selten, was von ihrem Leben übrig bleibt, wenn dieses Ziel erreicht ist oder unerreichbar wird. Was geschieht mit dem Menschen hinter der Leistung? Welche Interessen durfte er entwickeln, welche Beziehungen pflegen, welche Erfahrungen sammeln? Und wer hilft ihm, sich selbst wiederzufinden, wenn die Rolle, mit der er sich über Jahre identifiziert hat, plötzlich keine Bedeutung mehr besitzt?

Diese Fragen stellen sich ebenso für Unternehmer, Führungskräfte und all jene, die einen grossen Teil ihres Lebens ihrer beruflichen Aufgabe widmen. Erfolg kann eine wunderbare Erfahrung sein. Er kann Sicherheit schaffen, Anerkennung bringen und das berechtigte Gefühl vermitteln, etwas Sinnvolles geleistet zu haben. Problematisch wird er nicht dadurch, dass wir ihn anstreben, sondern dadurch, dass wir ohne ihn nicht mehr wissen, wer wir sind.

Die Antwort kann nicht darin liegen, hohe Ziele grundsätzlich aufzugeben oder vor grossen Anstrengungen zurückzuschrecken. Ohne Ehrgeiz, Hingabe und Leistungsbereitschaft wären viele menschliche Errungenschaften undenkbar. Aber vielleicht müssen wir lernen, unsere Ziele als wichtigen Teil unseres Lebens zu begreifen, statt unser gesamtes Leben zu ihrem Diener zu machen. Es sollte möglich sein, einen Misserfolg zu erleben, ohne sich selbst als gescheitert zu betrachten. Und es sollte möglich sein, auf einen Erfolg zu verzichten, wenn der Preis dafür höher wird als sein Wert.

Wir dürfen an unseren Zielen scheitern. Wir sollten nur nicht zulassen, dass unsere Ziele darüber entscheiden, ob wir als Menschen gescheitert sind.

Wem muss ich eigentlich gefallen?

Vielleicht ist diese Frage falsch gestellt. Denn sie enthält bereits die Annahme, dass unser Leben vor allem darin bestehe, jemandem zu gefallen. Natürlich können und sollen wir nicht ohne Rücksicht auf andere leben. Wir tragen Verantwortung für unser Handeln, für unsere Mitmenschen und für die Gemeinschaft, deren Teil wir sind. Rücksicht, Freundlichkeit und die Bereitschaft zur Veränderung sind keine Zeichen mangelnder Authentizität. Sie können gerade Ausdruck eines gefestigten Charakters sein. Aber wir müssen unterscheiden lernen zwischen der Verantwortung, die wir anderen gegenüber tragen, und dem Wunsch, ihre Erwartungen zu erfüllen.

Betrachten wir unsere drei Formen des Ichs noch einmal, wird deutlich, dass keine von ihnen für sich allein ein vollständiges Bild unserer Persönlichkeit ergibt. Das Ich, das wir sind, braucht die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis und Selbstakzeptanz. Ohne sie bleiben wir Gefangene unserer eigenen Unzulänglichkeiten. Das Ich, das wir gerne wären, eröffnet uns Möglichkeiten, setzt Ziele und lässt uns wachsen. Ohne eine Verbindung zu unseren tatsächlichen Bedürfnissen kann es jedoch zur Quelle ständiger Unzufriedenheit werden. Und das Ich, wie andere uns sehen, verbindet uns mit der Gesellschaft, ermöglicht Rückmeldungen und Anerkennung. Überlassen wir ihm allerdings die Entscheidung über unseren persönlichen Wert, verlieren wir einen Teil unserer Selbstbestimmung.

Die drei Ichs bilden somit keine Rangordnung, in der eines die beiden anderen vollständig verdrängen sollte. Sie stehen in einem Verhältnis zueinander, das immer wieder neu bestimmt werden muss. Wir brauchen Wünsche, aber nicht jeden Wunsch. Wir brauchen Anerkennung, aber nicht die Zustimmung aller. Und wir brauchen die Bereitschaft zur Veränderung, ohne uns selbst deshalb grundsätzlich infrage zu stellen.

Hier erhält der Verzicht seine eigentliche Bedeutung. Denn verzichten tun wir ohnehin, jeden Tag, bei jeder Entscheidung. Wer seine Zeit der Arbeit widmet, kann sie nicht gleichzeitig mit seiner Familie verbringen. Wer seinen Besitz vermehrt, übernimmt möglicherweise zusätzliche Verpflichtungen. Wer unbedingt den Erwartungen anderer entsprechen möchte, verzichtet unter Umständen auf eigene Überzeugungen. Nicht jeder dieser Verluste ist vermeidbar, und nicht jeder ist falsch. Doch häufig erkennen wir den Preis unserer Entscheidungen erst, wenn er bereits bezahlt ist.

Dabei lohnt es sich, zwischen aktivem und passivem Verzicht zu unterscheiden. Aktiver Verzicht ist eine bewusste Entscheidung darüber, was wir aufgeben wollen, um etwas anderes zu bewahren oder zu gewinnen. Passiver Verzicht hingegen ist ein Verlust, den wir hinnehmen müssen oder dessen wir uns möglicherweise nicht einmal bewusst sind. Nicht selten verzichten wir unbemerkt auf etwas Wertvolles, weil wir auf etwas vermeintlich Unverzichtbares nicht verzichten wollen.

Diese Unterscheidung verändert unseren Blick auf das Leben. Verzicht erscheint nicht mehr bloss als Entbehrung, sondern als Möglichkeit, Prioritäten zu setzen. Wir müssen nicht jedem Bedürfnis folgen, nicht jede Gelegenheit nutzen und nicht jeden Anspruch erfüllen. Wir dürfen entscheiden, was uns wirklich wichtig ist, und darauf verzichten, unsere Lebenszeit für Dinge einzusetzen, die diesem Ziel im Wege stehen.

Bewusster Verzicht kann uns vor unbewusstem Verzicht bewahren.

Das bedeutet nicht, dass wir uns von Ehrgeiz, Besitz oder gesellschaftlicher Anerkennung abwenden müssten. Wir können erfolgreich sein wollen, ohne unseren Wert vom Erfolg abhängig zu machen. Wir können Eigentum schätzen, ohne uns von ihm beherrschen zu lassen. Wir können uns schön kleiden und die Meinung anderer ernst nehmen, ohne unser Leben nach fremden Vorstellungen auszurichten.

Vielleicht besteht die eigentliche Aufgabe unseres Lebens deshalb nicht darin, die drei Formen unseres Ichs zur vollkommenen Übereinstimmung zu bringen. Das wäre kaum möglich. Wir werden immer Wünsche haben, die über unsere gegenwärtigen Möglichkeiten hinausgehen, und Menschen begegnen, die uns anders wahrnehmen, als wir uns selbst verstehen. Entscheidend ist vielmehr, dass wir lernen, zwischen diesen Bildern zu unterscheiden und ihre Bedeutung selbst zu bestimmen.

Ein Spiegel kann uns zeigen, wie wir aussehen. Er kann uns nicht sagen, wer wir sind. Besitz kann unser Leben erleichtern. Er kann uns nicht sagen, wofür es sich zu leben lohnt. Und die Bewunderung anderer kann uns Freude bereiten, doch sie vermag uns nicht die Aufgabe abzunehmen, mit uns selbst ins Reine zu kommen.

Vielleicht beginnt innerer Frieden genau dort, wo wir aufhören, den Menschen, der wir sind, als unvollendetes Projekt zu betrachten. Wo wir uns weiterentwickeln dürfen, ohne ständig besser sein zu müssen. Wo wir besitzen können, ohne vom Besitz beherrscht zu werden. Und wo wir die Meinung anderer achten, ohne unser Leben nach ihr auszurichten.

Wer ständig versucht, ein anderer zu werden, läuft Gefahr, sich selbst zu verlieren.

Die Frage ist deshalb nicht, ob wir verzichten. Wir tun es ohnehin, jeden Tag, bei jeder Entscheidung. Die Frage ist, worauf wir verzichten und ob wir selbst darüber entscheiden.

Denn wer auf das Unwesentliche verzichten kann, muss nicht auf sich selbst verzichten.