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Im Schatten der Wahrheit

Über den Irrtum, die Wahrheit zu besitzen

«Wir sehen die Dinge nicht so, wie sie sind. Wir sehen sie so, wie wir sind.»
— In Anaïs Nins Roman «Seduction of the Minotaur» (1961)  [1]



Wahrheit und Wirklichkeit

Ich behaupte nicht mehr, dass es keine Wahrheit gibt. Ich behaupte vielmehr, dass niemand sie besitzt. Zumindest nicht in jener vollständigen, eindeutigen und allgemeingültigen Form, in der Menschen gewöhnlich von ihr sprechen. Die Wirklichkeit ist vorhanden, unabhängig davon, wie wir sie wahrnehmen. Wahrheit entsteht als Anspruch dort, wo wir versuchen, diese Wirklichkeit zu erfassen, in Worte zu fassen und zu erklären. Hermann Hesse unterscheidet in seiner Erzählung Meng Hsiä zwischen der Wirklichkeit und den unzähligen Wahrheiten, die Menschen über sie formulieren. Jede dieser Wahrheiten erfasst einen Ausschnitt – und jede bleibt deshalb ebenso begrenzt wie die Perspektive, aus der sie entstanden ist.

Trotzdem wird in Dialogen und Debatten immer wieder auf die Wahrheit verwiesen. Das geschieht in Gerichtsprozessen, wenn Tatsachen rekonstruiert werden müssen, um über Schuld oder Unschuld zu befinden, ebenso wie in politischen Auseinandersetzungen um die richtige Ordnung der Gesellschaft oder in religiösen Bekenntnissen, die den Gläubigen als Gewissheit gelten. Dabei handelt es sich jedoch nicht immer um dieselbe Art von Wahrheit. Ein Gericht versucht, anhand von Beweisen festzustellen, was geschehen ist. Eine Verfassung beschreibt dagegen nicht, was ist, sondern legt fest, nach welchen Grundsätzen eine Gesellschaft leben will. Ein Glaubensbekenntnis wiederum beruht weder auf einem Mehrheitsentscheid noch auf einem wissenschaftlichen Beweis. Es gibt einem Menschen Halt und Orientierung, ohne deshalb für alle anderen verbindlich wahr zu sein.

Wer von Wahrheit spricht, beansprucht sie dennoch häufig für sich. Man kann sich deshalb fragen, welcher Spur Wahrheitssuchende eigentlich folgen – und ob ihre Suche tatsächlich zu einem Ziel führt. Betrachtet man menschliche Lebensläufe, stellt man oft fest, dass grundlegende Entscheidungen über Lebensführung und Weltanschauung schon früh getroffen werden. Familie, Religion, Herkunft, Erziehung und persönliche Erfahrungen prägen unsere Sicht, lange bevor wir sie bewusst hinterfragen können. Später weichen nur wenige Menschen grundsätzlich von diesem vertrauten Lebensentwurf ab. Ein Katholik wird nicht ohne Weiteres Muslim, ein überzeugter Atheist nicht plötzlich gläubig – und umgekehrt. Menschen nehmen bevorzugt jene Wahrheiten an, die zu ihrer bisherigen Vorstellung von der Welt passen. [2]

Dass unsere Wahrnehmung von Erfahrungen und Überzeugungen geprägt wird, bedeutet allerdings nicht, dass jede Behauptung gleich richtig wäre. Sie ist nie vollkommen unabhängig von uns selbst. Zwischen Wirklichkeit und Wahrnehmung steht immer der Mensch – mit seinen Erfahrungen, Hoffnungen, Ängsten und Vorurteilen. Wir können uns der Wirklichkeit annähern, doch wir betrachten sie stets aus einem bestimmten Blickwinkel. Gerade deshalb müssen wir zwischen Tatsachen, Deutungen, Überzeugungen und Wahrhaftigkeit unterscheiden.

Das Wort Wahrheit trägt nämlich auch einen ethischen Anspruch in sich. Wer die Wahrheit sagt, gilt als redlich und ehrenhaft. Dabei geht es nicht allein darum, ob eine Aussage objektiv richtig ist, sondern auch darum, ob jemand nach bestem Wissen und Gewissen spricht. Ein Mensch kann sich irren, ohne zu lügen. Umgekehrt kann jemand etwas Richtiges sagen und dennoch täuschen, wenn er entscheidende Zusammenhänge absichtlich verschweigt. Wahrheit und Wahrhaftigkeit sind daher nicht dasselbe. Wahrheit betrifft das Verhältnis einer Aussage zur Wirklichkeit. Wahrhaftigkeit betrifft die Haltung des Menschen, der diese Aussage macht.

Behauptung, Beweis und Wahrhaftigkeit

Nehmen wir an, jemand behauptet, er könne die 100 Meter in weniger als zehn Sekunden laufen. Ob diese Aussage zutrifft, hängt nicht davon ab, ob wir ihm glauben oder ob er besonders überzeugend auftritt. Die Behauptung muss überprüft werden. Gelingt ihm der Lauf unter nachvollziehbaren Bedingungen, ist sie vorläufig bestätigt. Bleibt der Nachweis aus, ist sie nicht automatisch eine Lüge – aber weiterhin unbelegt. Vielleicht hat sich der Läufer überschätzt, vielleicht war er verletzt, vielleicht hat er bewusst angegeben. Erst wenn wir mehr über die Umstände wissen, können wir beurteilen, ob seine Behauptung falsch, leichtfertig oder absichtlich täuschend war.

Auch von Personen, die wir als ehrwürdig betrachten, erwarten wir Wahrhaftigkeit. Ein gläubiger Christ erwartet von einem Pfarrer keine Lüge. Wenn dieser Pfarrer jedoch predigt, es gebe nur einen Gott, spricht er innerhalb seines Glaubens eine Wahrheit aus. Für Atheisten, Agnostiker, Skeptiker und Angehörige anderer Religionen bleibt dieselbe Aussage ein Glaubenssatz oder eine unbelegte Behauptung. Der Pfarrer kann vollkommen aufrichtig sein, ohne dass seine Überzeugung deshalb zu einer überprüfbaren Tatsache wird. Bevor wir über die Gültigkeit einer Wahrheit befinden, müssen wir deshalb fragen, woran sie gemessen wird. Sind es Beweise, Erfahrungen, religiöse Offenbarung, moralische Grundsätze oder lediglich die Überzeugungskraft ihres Verkünders?

Gerade in der Wissenschaft ist diese Unterscheidung entscheidend. Wissenschaft setzt nicht voraus, dass jede Annahme von Anfang an wahr ist. Im Gegenteil, Hypothesen dürfen und sollen sich als falsch erweisen können. Wissenschaftlicher Fortschritt entsteht häufig gerade dort, wo eine bisherige Annahme widerlegt wird. Verlässlich wird Wissenschaft dadurch, dass Daten korrekt erhoben, Ausgangslagen wahrheitsgemäss beschrieben, Annahmen offengelegt und Schlussfolgerungen überprüfbar gemacht werden. Ein wissenschaftliches Modell darf die Wirklichkeit vereinfachen, solange seine Grenzen erkennbar bleiben. Wo hingegen Fakten verfälscht, Umstände verschwiegen oder Ergebnisse einer gewünschten Aussage angepasst werden, entsteht keine alternative Sicht auf die Wirklichkeit. Es entsteht Täuschung. Resultate, die auf manipulierten Daten oder bewusst falschen Voraussetzungen beruhen, sind weder aussagekräftig noch belastbar. [3]

Wenn Forschung zur Gewissheit wird

Wie gross der gesellschaftliche Einfluss einer wissenschaftlich erscheinenden Wahrheit werden kann, zeigt die Ernährungsdebatte des vergangenen Jahrhunderts. Im Jahr 1953 stellte der amerikanische Ernährungswissenschaftler Ancel Keys den Fettanteil der Ernährung und die Sterblichkeit durch Herzkrankheiten in sechs Ländern einander gegenüber. Die grafische Darstellung schien einen auffallend starken Zusammenhang zu zeigen. Je höher der Fettkonsum, desto höher die Sterblichkeit. Vier Jahre später untersuchten die Statistiker Jacob Yerushalmy und Herman Hilleboe Daten aus 22 Ländern. In dieser umfassenderen Betrachtung erschien der Zusammenhang wesentlich weniger eindeutig. Sie warnten davor, aus solchen Ländervergleichen vorschnell auf eine Ursache zu schliessen. Die Auswahl der betrachteten Daten konnte somit darüber entscheiden, welche Wahrheit die Grafik zu zeigen schien. Das beweist nicht, dass Keys seine Ergebnisse bewusst fälschte. Er begründete seine Auswahl damit, nur für diese sechs Länder seien ausreichend vergleichbare Daten vorhanden gewesen. Das Beispiel zeigt jedoch, wie stark eine Auswahl das Ergebnis prägen kann – und wie leicht eine eindrückliche Darstellung zur Gewissheit wird, obwohl sie nur einen Teil der Wirklichkeit abbildet. Die bekannte Sechs-Länder-Grafik darf dabei nicht mit der späteren und wesentlich umfangreicheren Seven Countries Study gleichgesetzt werden. Diese war eine eigenständige Langzeituntersuchung. [4]

Noch deutlicher wird das Problem dort, wo wirtschaftliche Interessen auf wissenschaftliche Forschung einwirken. Ab 1965 finanzierte die Sugar Research Foundation, eine Interessenorganisation der Zuckerindustrie, eine Übersichtsarbeit von Wissenschaftlern der Harvard University. Interne Dokumente zeigen, dass die Organisation das Ziel der Arbeit mitbestimmte, den Forschern Literatur zukommen liess und Entwürfe erhielt. Die Finanzierung und diese Mitwirkung wurden bei der Veröffentlichung im Jahr 1967 nicht offengelegt. Die Arbeit hob Fett und Cholesterin als Ernährungsrisiken für koronare Herzkrankheiten hervor, während Hinweise auf eine mögliche Rolle des Zuckers geringer gewichtet wurden. Eine 2016 veröffentlichte deutschsprachige Darstellung im Deutschen Ärzteblatt kam zum Schluss, dass die Zuckerindustrie damit Zweifel an den gesundheitlichen Risiken von Zucker förderte und zugleich Fett als hauptsächlichen Schuldigen in den Vordergrund rückte. [5] [6]

Es wäre allerdings selbst wieder eine zu einfache Wahrheit, die gesamte Low-Fat-Bewegung oder die spätere Zunahme von Fettleibigkeit allein auf diese Einflussnahme zurückzuführen. Ernährungsempfehlungen, medizinische Forschung, politische Entscheidungen, industrielle Interessen und gesellschaftliche Lebensgewohnheiten wirkten zusammen. Dennoch trug die einseitige Konzentration auf Fett dazu bei, dass «fettarm» in der öffentlichen Wahrnehmung beinahe mit «gesund» gleichgesetzt wurde. Viele Menschen glaubten, fettreduzierte Produkte würden sie vor Übergewicht und Herzkrankheiten schützen – selbst wenn diese Produkte einen hohen Anteil an Zucker oder anderen leicht verfügbaren Kohlenhydraten enthielten. Aus einer wissenschaftlichen Debatte war eine leicht verständliche gesellschaftliche Gewissheit geworden, nach der Fett krank macht und fettarme Nahrung gesund hält.

Gerade dieses Beispiel zeigt, dass eine falsche Wahrheit nicht vollständig erfunden sein muss. Gesättigte Fette können gesundheitlich bedeutsam sein, und ein übermässiger Konsum kann Risiken erhöhen. Täuschend wurde das Bild dort, wo ein Teil der Erkenntnis zur ganzen Wahrheit erklärt und ein anderer Teil aus wirtschaftlichem Interesse in den Hintergrund gedrängt wurde. Die wirksamste Irreführung besteht nicht immer in einer offenen Lüge. Oft genügt es, Wahres auszuwählen, anderes Wahres zu verschweigen und aus dem verbleibenden Ausschnitt eine scheinbar eindeutige Geschichte zu formen.

Die Verlockung einfacher Wahrheiten

Problematisch wird es auch, wenn esoterische Anbieter einen besonderen Zugang zur Wahrheit behaupten, um technische Spielereien, vermeintliche Heilmittel oder Nahrungsergänzungsmittel überteuert unter die Menschen zu bringen. Andere schreiben sich Fähigkeiten zu, die sie von gewöhnlichen Menschen als besonders «Erkennende» unterscheiden oder sie gar zu einem Medium machen sollen. Nicht selten werden Traditionen, Geschichten sowie angebliche Gutachten renommierter Personen oder Institute herangezogen, um solchen Behauptungen den Anschein von Glaubwürdigkeit zu verleihen. Die Wahrheit richtet sich dann weniger nach der Wirklichkeit als nach der Sehnsucht. Je grösser das Bedürfnis nach Heilung, Hoffnung oder Gewissheit ist, desto leichter kann ein Versprechen an die Stelle eines Beweises treten.

Noch dramatischer zeigt sich dieser Mechanismus in verschwörungsideologischen und rassistischen Erzählungen. Hier geht es oft nicht mehr um das, was wirklich ist, sondern um das, was wahr sein soll. Einzelne Tatsachen, Gerüchte und Vermutungen werden zu einer geschlossenen Geschichte zusammengesetzt. Was nicht hineinpasst, wird ausgeblendet. Was hineinpassen könnte, wird zum Beweis erklärt. Die Verbreiter solcher Geschichten können sich dabei als besonders mutige Aufklärer erleben, die angeblich erkennen, was dem Rest der Menschheit verborgen bleibt. Diese Rolle verleiht Bedeutung, Zugehörigkeit und das Gefühl, anderen voraus zu sein. [7]

Viele Menschen, die solchen Erzählungen Glauben schenken, sind verunsichert oder haben Angst vor der Zukunft. Sie suchen nach Antworten, die leicht verständlich sind und ihnen Sicherheit geben. Verschwörungserzählungen kommen diesem Bedürfnis entgegen, indem sie eine unübersichtliche Welt in Täter und Opfer, Schuldige und Eingeweihte einteilen. Weil sie häufig wie Kriminalgeschichten aufgebaut sind, sprechen sie zudem Sensationslust und Neugier an. Sie versprechen, etwas Geheimes aufzudecken, das allen anderen entgangen sei. Halbwahrheiten sind dafür besonders geeignet. Sie enthalten genügend Wirklichkeit, um glaubwürdig zu erscheinen, und genügend Erfindung, um die gewünschte Geschichte zu erzählen.

Wenn Ideologie zur Wissenschaft erklärt wird

Wohin es führen kann, wenn eine solche Erzählung nicht nur geglaubt, sondern als Wissenschaft anerkannt, an Universitäten gelehrt und schliesslich zur Grundlage staatlichen Handelns erhoben wird, zeigt die deutsche Rassenlehre des frühen 20. Jahrhunderts. Zwei einflussreiche Werke stehen beispielhaft für diese Entwicklung. Dazu gehören Hans F. K. Günthers Rassenkunde des deutschen Volkes und der von Erwin Baur, Eugen Fischer und Fritz Lenz verfasste Grundriss der menschlichen Erblichkeitslehre und Rassenhygiene.

Günther teilte die deutsche Bevölkerung anhand körperlicher Merkmale in vermeintliche «Rassen» ein und ordnete diesen nicht nur ein bestimmtes Aussehen, sondern auch geistige, charakterliche und kulturelle Eigenschaften zu. Den sogenannten nordischen Typ stellte er an die Spitze dieser Hierarchie. Fotografien, Schädelmasse, Körperformen und scheinbar systematische Klassifikationen vermittelten den Eindruck objektiver Forschung. Tatsächlich wurden äussere Merkmale mit Werturteilen verbunden und Menschen aufgrund einer behaupteten biologischen Zugehörigkeit beurteilt. Günther wurde zu einem der einflussreichsten Rassentheoretiker der Zwischenkriegszeit. Seine Schriften popularisierten die nationalsozialistische Rassenkunde und versuchten, ihr eine wissenschaftliche Grundlage zu verleihen, wie auch die Deutsche Biographie über Hans F. K. Günther festhält. [8]

Der erstmals 1921 erschienene Grundriss der menschlichen Erblichkeitslehre und Rassenhygiene ging noch einen Schritt weiter. Das Werk von Baur, Fischer und Lenz verband Erkenntnisse der damals noch jungen Genetik mit eugenischen und rassistischen Werturteilen. So entstand der Eindruck, gesellschaftliche Probleme, Armut, psychische Erkrankungen, Behinderungen und angeblich minderwertige Eigenschaften liessen sich biologisch erklären und durch eine gezielte Steuerung der Fortpflanzung beseitigen. Das Buch entwickelte sich zu einem medizinisch-biologischen Standardwerk und erschien bis 1936 in mehreren Auflagen. Seine Autoren und ihr wissenschaftliches Umfeld prägten Forschung, Lehre und politische Beratung. Fritz Lenz beteiligte sich später aktiv an der Umsetzung der «Rassenhygiene» durch Zwangssterilisationen; Eugen Fischer stellte seine wissenschaftliche Autorität in den Dienst der nationalsozialistischen Rassenpolitik. Die historische Aufarbeitung der Max-Planck-Gesellschaft zeigt, wie eng Forschung, Gutachtertätigkeit und nationalsozialistische Erbgesundheits- und Rassenpolitik miteinander verbunden waren. [9] [10]

Diese Werke allein verursachten weder den Nationalsozialismus noch den Genozid an den europäischen Juden. Jahrhundertealter Antisemitismus, völkischer Nationalismus, die nationalsozialistische Ideologie, eine Diktatur ohne rechtsstaatliche Grenzen und der Krieg waren weitere Voraussetzungen. Doch die sogenannte Rassenwissenschaft lieferte Begriffe, Kategorien und akademische Autorität. Sie half, Vorurteile in Diagnosen, Ausgrenzung in Gesundheitsvorsorge und Menschenverachtung in eine vermeintlich notwendige Politik zu verwandeln.

Aus Mitmenschen wurden zunächst «Rassenfremde», aus Bürgern ein angebliches biologisches Risiko und aus Verfolgung eine Massnahme zum Schutz des «Volkskörpers». Die Folgen waren Eheverbote, Entrechtung und Zwangssterilisation. Menschen mit Behinderungen wurden im Rahmen der nationalsozialistischen «Euthanasie» ermordet. Juden sowie Sinti und Roma wurden ausgegrenzt, deportiert und systematisch vernichtet. Mediziner, Anthropologen und andere Wissenschaftler beschränkten sich dabei nicht darauf, eine bestehende Politik nachträglich zu rechtfertigen. Manche halfen, ihre Kategorien zu entwickeln, Gutachten zu erstellen, Opfer auszuwählen und die Verbrechen praktisch umzusetzen. Das Deutsche Historische Museum beschreibt, wie biomedizinische Fachleute die nationalsozialistische Rassenpolitik legitimierten und an ihrer Durchführung mitwirkten. [11] [12]

Hier zeigt sich die gefährlichste Form der falschen Wahrheit. Eine Ideologie hatte sich das Ansehen der Wissenschaft angeeignet. Vermessungen, Stammbäume, Statistiken, medizinische Begriffe und akademische Titel verliehen ihr den Anschein gesicherter Erkenntnis. Menschen wurden nicht mehr als Individuen betrachtet, sondern als Exemplare einer erfundenen biologischen Kategorie. Sobald diese Einteilung als wahr galt, erschienen Entrechtung und Vernichtung nicht mehr als Verbrechen, sondern als folgerichtige Massnahmen.

Eine Behauptung wird jedoch nicht dadurch wahr, dass sie in einem Lehrbuch steht. Sie wird nicht wahr, weil ein Professor sie vertritt, eine Universität sie lehrt oder ein Staat sie zum Gesetz erhebt. Doch sie gewinnt dadurch Macht. Und wenn diese Macht keiner Kritik, keiner ethischen Grenze und keiner unabhängigen Überprüfung mehr unterliegt, kann eine falsche Wahrheit tödlich werden.

Wem gehört die Wahrheit?

Nachdem ich so viel über Wahrheiten nachgedacht habe, bin ich zu einer anderen Schlussfolgerung gelangt als jener, die uns die Redensart «Wahrheit bringt Licht ins Dunkel» nahelegt.

Der Anspruch, die Wahrheit zu besitzen, führt, verbunden mit Leichtgläubigkeit, nur allzu leicht hinters Licht.

Nicht die Wahrheit selbst ist das Problem, sondern der Besitzanspruch, mit dem sie verkündet wird. Wer behauptet, die Wahrheit bereits vollständig zu kennen, muss nicht mehr zuhören, zweifeln oder dazulernen. Die Wahrheiten anderer schaffen deshalb nicht zwangsläufig Klarheit. Sie können uns bereichern und unsere Haltung herausfordern, aber ebenso Verwirrung, Verunsicherung und Feindbilder hervorrufen.

Auch ich habe meine eigene Sicht auf die Welt, meine eigene Wahrnehmung des Wirklichen. Meine Gedanken trage ich nicht zusammen, um jemanden zu belehren. Im besten Fall vermögen meine Beobachtungen und Reflexionen eine weitere Sichtweise zu eröffnen. Was wir für wahr halten, kann entstehen, sich verändern und wieder vergehen. Die Wirklichkeit aber ändert sich nicht allein dadurch, dass wir unsere Meinung über sie ändern.

Im Umgang mit unterschiedlichen Wahrheiten braucht es deshalb Toleranz – allerdings keine Beliebigkeit. Toleranz bedeutet nicht, jede Behauptung für gleich richtig zu halten. Sie gilt dem Menschen und seinem Recht auf eine eigene Sicht, nicht der nachweislichen Unwahrheit, der bewussten Täuschung oder der Herabwürdigung anderer. Wir sollten lernen, zwischen einer anderen Perspektive und einer falschen Tatsachenbehauptung zu unterscheiden. Wir dürfen widersprechen, ohne den anderen als Menschen abzuwerten. Und wir sollten unsere eigene Sicht nie für so vollkommen halten, dass sie keiner Überprüfung mehr bedarf.

Oder was würden Sie denken, wenn ein Nashorn allgemeingültig erklärte, in jedem Sichtfeld müsse ein Horn zu sehen sein?

Das Horn gehört zum Nashorn – nicht zur Welt.


Quellen und weiterführende Literatur

Die Quellen dokumentieren historische Angaben und wissenschaftliche Zusammenhänge. Die philosophischen Schlussfolgerungen und Wertungen sind meine eigenen Überlegungen. Wo die Herkunft eines Zitats ungeklärt oder eine englischsprachige Originalarbeit für die genaue Einordnung notwendig ist, wird dies ausdrücklich vermerkt.

  1. Anaïs Nin und die Herkunft des Eingangszitats – Das Zitat ist in Anaïs Nins Roman von 1961 belegt, wurde jedoch schon früher verwendet. Eine deutschsprachige Wiedergabe findet sich hier; die eigentliche Herkunft bleibt ungeklärt. ↩
  2. Wahrnehmung und Bestätigungsfehler – Bundeszentrale für politische Bildung, «Fake oder Wirklichkeit?». Erläutert den Bestätigungsfehler und die Rolle unserer Vorerwartungen. ↩
  3. Gute wissenschaftliche Praxis – Robert Koch-Institut, «Gute wissenschaftliche Praxis». Anforderungen an Dokumentation, kritischen Diskurs und unverfälschte Forschungsdaten. ↩
  4. Ancel Keys und die Sechs-Länder-Grafik – Wissenschaftliche Einordnung der Sechs-Länder-Grafik von 1953 und der Analyse von 22 Ländern durch Yerushalmy und Hilleboe; ausführliche Original-Fachübersicht auf Englisch. ↩
  5. Einfluss der Zuckerindustrie – Deutsches Ärzteblatt, «Wie die US-Zuckerindustrie den Fetten die Schuld gab». Deutschsprachige Einordnung der internen Dokumente, einschliesslich methodischer Differenzierungen. ↩
  6. Zuckerindustrie in Schweizer Perspektive – SRF Wissen, «Project 226 – Korrupte Forscher im Dienst der US-Zuckerlobby». ↩
  7. Verschwörungserzählungen – Bundeszentrale für politische Bildung, «Verschwörungserzählungen und politische Bildung». Zur Unterscheidung verschiedener Motive und zum Umgang mit solchen Erzählungen. ↩
  8. Hans F. K. Günther – Deutsche Biographie, «Hans F. K. Günther». Historische Einordnung seiner rassistischen Schriften und seines Einflusses. ↩
  9. Baur, Fischer und Lenz – Deutsches Historisches Museum, «Wissenschaft und Forschung im NS-Regime». Zur Rassenhygiene und dem Grundriss von Baur, Fischer und Lenz. ↩
  10. Eugen Fischer – Deutsche Biographie, «Eugen Fischer». Wissenschaftliche Karriere und Beteiligung an der Legitimierung nationalsozialistischer Rassenpolitik. ↩
  11. NS-Zwangssterilisationen und Krankenmorde – Deutscher Bundestag, «Aufarbeitung von NS-„Euthanasie“ und Zwangssterilisationen» (2025). ↩
  12. Verfolgung von Sinti und Roma – Bundesarchiv, «Archivgut zur Verfolgung von Roma, Sinti, Jenischen und anderen im Nationalsozialismus». ↩

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