Zitat zum Nachdenken

Immerhin hat das den Staat zur Hölle gemacht, daß ihn der Mensch zu seinem Himmel machen wollte.
Friedrich Hölderlin, deutscher Dichter (1770 - 1843)

Sie sind hier: Home arrow Themen arrow Es klang so schön am Rhein
Es klang so schön am Rhein Drucken E-Mail
Mit neuartigen psychedelischen Klängen rief die deutsche Rockmusik in den 1970er Jahren so viel Bewunderung wie Verständnislosigkeit hervor. Rückblickend erweist sich der Krautrock als einflussreich und tonangebend: David Bowie, Sonic Youth, New Order sie alle liessen sich inspirieren.

Anfang der 1980er Jahre war alles schon wieder vorbei. Die Musiker von Kraftwerk, so erinnert sich Moritz Reichelt von der Band "Der Plan" in seiner Autobiografie, bekamen im Ratinger Hof in Düsseldorf Hausverbot. Kraftwerk, die noch 1974 mit ihrem Album Autobahn einen Welterfolg gefeiert hatten, galten nun als Vertreter einer alten ästhetik und hatten nach Ansicht der Punks im neuen, angesagten Düsseldorfer Szene-Club nichts zu suchen. In ihrer Tabula-rasa-Stimmung setzten die Punks eine Zäsur: Krautrock, das war der Inbegriff des Vorgestrigen, meinte lange Haare und stundenlange Flötensoli, einen musikalisch verzückten Eskapismus, der mit der sozialen Realität im Deutschland des Kalten Krieges nichts zu tun hatte.

Krautrock ein deutscher Exportschlager


Dabei hatte die Musikzeitschrift Sounds noch im April 1979 auf ihrer Titelseite mit der Schlagzeile geworben: Warum klingt es am Rhein so schön? Weil dort Kraftwerk und La Düsseldorf heute schon Musik des Jahres 2000 machen. Nicht die Punks, sondern die Sounds-Redakteure sollten Recht behalten: Die seltsamen Klänge, die eine Handvoll deutscher Bands im Jahrzehnt der Pril-Blumen und Schlaghosen ausgeheckt hatten, wurden zum Einflussreichsten, was die bis dahin noch junge Popgeschichte zu bieten hatte. Krautrock beeinflusste die wegweisenden Berliner Alben von David Bowie ebenso wie die Gitarren-Dekompositionen von Sonic Youth, prägte in Grossbritannien die elektronische Musik von Bands wie Cabaret Voltaire und New Order und wurde zu einer der wichtigsten Inspirationsquellen des Detroit Techno. Selbst Hip-Hop, so das britische Face-Magazin 1996, wäre ohne die Kraut-Pioniere nicht denkbar gewesen, und es zitiert Hip-Hop-Altmeister Afrika Bambaataa als grossen Krautrock-Fan.
Krauts wurden die deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg abwertend von den Briten genannt. Im Zusammenhang mit Musik soll der britische Radio-DJ John Peel dieses Wort erstmals 1968 benutzt haben. Wenn die Briten von Krautrock sprachen, war dies allerdings keine Beschimpfung, sondern im Gegenteil Ausdruck von Respekt. Der Krautrock-Boom in England war so gross, dass Tangerine Dream 1974 in der ausverkauften Royal Albert Hall spielten und die Band Faust ihr Album The Faust Tapes (1973) ausschliesslich für den britischen Markt veröffentlichte. In Deutschland dagegen wurde der Begriff schnell für sämtliche Rockmusik aus dem eigenen Land verwendet.

Eine bekiffte Antwort auf Stockhausen


Die Briten, so scheint es, haben sehr viel besser verstanden, dass nicht die geografische Herkunft den Krautrocker adelt, sondern seine besondere musikalische Abgedrehtheit. Das, was sie unter Krautrock fassten, darunter Tangerine Dream, Cluster, Kraftwerk, Can, Faust und Neu!, war kein Rock im herkömmlichen Sinne, sondern experimentelle, zum Teil rein elektronische Musik. Der kleinste gemeinsame Nenner dieser Bands bestand lediglich darin, dass sie eine Form des Psychedelic entwickelt hatten, die noch drogenumnebelter klang als das, was man aus England und den USA kannte. Flirrende Synthesizerklänge und tribalistische Drumbeats kamen zum Einsatz, verzückte Flötentöne und organische, warm blubbernde Sounds, die sich bisweilen wie eine bekiffte Antwort auf Karl-Heinz Stockhausen anhörten. Diese Musik war Weltflucht und Futurismus zugleich. Sie stand für einen radikalen Neuanfang, der vielleicht nur durch die spezifische historische Situation Deutschlands erklärbar ist.
In Grossbritannien und den USA knüpfte die junge Generation psychedelischer Musiker unmittelbar an musikalische Traditionen wie Blues, Rock n Roll und Folk an. Das war in Deutschland nicht möglich. Die Nazis hatten popkulturelles Brachland hinterlassen, eine Lücke, die nach dem Krieg mit Heimatfilmen und Peter-Alexander-Schlagern weniger geschlossen als fortgeschrieben wurde. Als Bands wie Can, Amon Düül und Tangerine Dream Ende der 1960er Jahre nach eigenen musikalischen Ausdrucksmitteln suchten, hatte dies nichts mit Chauvinismus zu tun. Ihnen ging es darum, eine internationale Klangsprache zu kreieren und sie fanden diese vor allem in der instrumentalen Musik.
In seinem Buch Krautrocksampler schwärmt der britische Musikjournalist Julian Cope vom Krautrock als einer der erstaunlichsten, beschwörendsten, heroischsten Ahnungen des Menschen auf dem Gipfel seiner künstlerischen Harmonie. Harmonia, so lautete auch der Name der Nachfolgeband von Cluster: Die Musik wollte Wohlklang sein, ein permanentes Fliessen. Und Can-Schlagzeuger Jaki Liebezeit sprach davon, Wellen, Schwingungen, Rhythmen zu produzieren, die mit den Umlaufbahnen der Sterne korrespondieren.

Politik durch ästhetische Entgrenzung


Während die Studenten auf der Strasse rebellierten, bestand der deutsche Beitrag zur Rockmusik also darin, Politik auszuklammern und die Musik in reine Klangästhetik zu verwandeln. Aber war das alles tatsächlich völlig unpolitisch?
Auf den Essener Songtagen, einem politischen Musikfestival, stellten sich 1968 einige der jungen psychedelischen Bands erstmals einem grösseren Publikum vor. Neben den Stars des amerikanischen Undergrounds, darunter Frank Zappa und The Fugs, sowie politischen Liedermachern wie Franz-Josef Degenhardt, traten auch Tangerine Dream und Amon Düül auf. Das Publikum war gespalten. Festivalbesucher erstürmten die Bühne und beschimpften die Musik als ästhetizismus, der auf einem politischen Festival nichts zu suchen habe. Andere sahen gerade in dieser ganz ohne Sprache auskommenden, auf Trance und Entgrenzung basierenden Musik eine politische Komponente den Verweis auf eine von allen Zwängen und Autoritäten befreite Gesellschaft. Schliesslich waren Amon Düül aus einer Münchener Kommune hervorgegangen, der anfangs auch Uschi Obermaier angehörte. Tangerine Dream wiederum wollten schöne Musik schaffen, die sich von den Affekten des Hasses, der Aggression und der Verzweiflung löst und den Menschen zurückholt in den Zustand der Unschuld. Vor dem Hintergrund der noch jungen Nazi-Vergangenheit ein fast therapeutisches Anliegen.
Irmin Schmidt der Gruppe CAN
Auch Irmin Schmidt von Can verkündete: Wir sind definitiv eine 68er-Gruppe. Nur drückte sich das Politische dieser Bands selten in konkreten Songtexten aus: So hatte sich der Can-Musiker und Stockhausen-Schüler Holger Czukay zusammen mit Rolf Dammers 1969 heimlich im elektronischen Studio ihres Lehrers eingefunden, um eine Klangcollage zusammenzuschneiden, in der sie geistliche Choräle mit traditioneller Musik aus Vietnam vermischten. Das Ergebnis, als LP unter dem Titel Canaxis erschienen, liess sich gar nicht anders als politisch rezipieren.

Die kosmische Musik und ihr Erbe


Doch das Spiel mit der Entgrenzung sollte schnell zur kommerziellen Masche werden. Anfang der 70er reagierten die Plattenfirmen auf den neuen Trend mit dem Begriff Kosmische Musik. Vor allem das Projekt Gilles Zeitschiff (1974), zusammengesetzt aus Mitgliedern von Ash Ra Tempel, Klaus Schulze und dem amerikanischen LSD-Guru Timothy Leary, bediente sämtliche kosmische Klischees. In einer Art Rockoper flüchtet ein Weltall-Kurier vor der CIA und begegnet auf seiner Reise diversen magischen Gestalten. Mit allerlei Synthesizer-Geblubber ausgestattet, entstand eine Karikatur von Krautrock, die es den Punks wenige Jahre später leicht machte, die Bewegung als versponnene Hippie-Esoterik abzulehnen. Eine einheitliche Bewegung ist Krautrock allerdings nie gewesen, die musikalischen Ansätze von Kraftwerk, Can und Faust hätten unterschiedlicher nicht sein können. Was all diese Gruppen verband, war die radikale Suche nach einem eigenen Klang, wie es ihn zuvor in der Popmusik noch nicht gegeben hatte. Genau deshalb ist Krautrock bis heute so einflussreich. Immer wieder suchen Musiker nach Möglichkeiten, eine Klangsprache zu entwickeln, die sich nicht mit ausgetretenen Pfaden zufriedengibt. Wo, wenn nicht bei den Kraut-Pionieren, sollten sie fündig werden?

Martin Büsser für das ARTE Magazin

siehe auch Cosmic Krauts

 
< zurück   weiter >

 
themesclub.com cms Joomla template