Als "Animal Farm" den Kommunismus bekämpfte

Kaum ein anderes Buch wurde im Ostblock strikter verboten als George Orwells Roman "Animal Farm" von 1945. Die CIA liess 1950 die Rechte kaufen – was der Qualität des auf DVD erschienen Trickfilms nichts anhaben konnte. Von seiner Aktualität hat "Animal Farm" nichts eingebüsst. Buchvorlage (1945) wurde mehrfach abgelehnt. Die Kritik an Stalins Diktatur schien britischen Verlegern zunächst wenig opportun. (Von Hans Günther Pflaum - Welt Online)

Schon die Hintergründe verweisen auf den Wahnsinn des letzten Jahrhunderts: Kaum ein anderes Buch wurde in den Ländern des Ostblocks strikter verboten als George Orwells 1945 erschienener Roman "Animal Farm". Dabei war der Autor ein überzeugter Linker; im Spanischen Bürgerkrieg hatte er in den Reihen der "POUM", der Arbeiterpartei der marxistischen Einheit, gekämpft.
Ausgerechnet einige britische Verleger aber hatten sein Manuskript abgelehnt – die Kritik an Stalins Diktatur erschien ihnen damals als wenig opportun. Wenige Jahre später war die Stimmung gekippt: Nach Orwells Tod 1950 liess die CIA die Rechte kaufen, wohl wissend, wie der Stoff im Kalten Krieg zu verwenden sei.
Manche Filmhistoriker sind davon überzeugt, dass die Verfilmung, entstanden in London zwischen 1951 und 1954, ohne den Einfluss des amerikanischen Geheimdiensts niemals zustande gekommen wäre. An der Oberfläche sieht der als antikommunistische Propaganda konzipierte Animationsfilm aus wie ein Kinderfilm, den unsere FSK auch brav ab 6 Jahren freigegeben hat.
Vielleicht entsprach dies genau den Intentionen der Hintermänner. Der Irrglaube von der Harmlosigkeit des Zeichentricks im Kino hat sich wohl bis heute gehalten – nicht einmal Videospiele haben ihm ein Ende bereiten können. Einmal fordert der Führer des tierischen Aufstands, man müsse die Farm "vor den Reaktionären retten". Welches Kind würde das heute verstehen?
Sicher war es eine clevere Idee, das Projekt nicht in den USA, sondern in England zu realisieren. Die beiden Produzenten, John Halas und Joy Batchelor, verfügten über profunde Erfahrungen bei der Herstellung von kurzen Animationsfilmen, und sie hatten während des Zweiten Weltkriegs auch einige ganz pfiffige Propaganda-Arbeiten gegen Hitlers Wehrmacht produziert. John Halas war gebürtiger Ungar; einige Mitglieder seiner Familie sollen in den KZ der Nazis ermordet worden sein. Vielleicht ist es seinem Einfluss zu verdanken, dass die Kinoversion von "Animal Farm" heute über eine gewisse Zeitlosigkeit verfügt.
George Orwell hatte noch mit einer Mischung aus Allegorie und konkreter Anspielung gearbeitet; viele seiner tierischen Figuren boten sich zur Identifikation mit konkreten Menschen an. Der alte "Major" setzte sich aus Marx und Lenin zusammen, der Sprecher des englischen Originals hat der Figur noch einen Schuss "Churchill" hinzugefügt. Mit dem weissen Schwein "Schneeball" war der im Exil ermordete Trotzki gemeint.

Eber "Napoleon" als Abbild Stalins

Der Eber "Napoleon", der nach der tierischen Revolution gegen den trunksüchtigen Bauer Jones (bei Orwell eine Anspielung auf Zar Nikolaus II) und die Menschen die alten Ideale verrät und sich zum neuen Diktator erhebt, galt als Abbild von Stalin – sicherheitshalber wurde das Sattelschwein Napoleon in der französischen Fassung zu "César". Die Hunde, die sich der Diktator als Schergen hält, spielen auf Stalins Staatspolizei GPU an. Zumindest teilweise übernimmt die Kinoversion das "Who is who?"-Spiel des Romans.
Erstaunlich nur, dass der Film heute keineswegs antiquiert wirkt. Das mag an seiner visuellen Lebendigkeit liegen, für die der Amerikaner John F. Reed als Animations-Regisseur verantwortlich war. Reed hatte als Zeichner bei Disney Erfahrungen gesammelt und an Produktionen wie "Fantasia" und "Pinocchio" mitgearbeitet.
Zur Spannung des Films trägt der permanente Widerspruch zwischen den traditionell gefälligen, oft idyllischen Disney-Mitteln, den vielen kleinen neckischen Gags, vor allem rund um das zahlreich vertretene kleinere Federvieh einerseits, und den düsteren, der bitteren Vorlage verpflichteten Motiven andererseits bei. Allerdings sind hier die Tiere in ihren Bewegungen bei weitem weniger anthropomorph als jemals bei Disney.
Dennoch gelingt den Zeichnern das Kunststück, dass "Aufstand der Tiere" sogar über im Animationsfilm eher seltene, hoch emotionale Momente verfügt. Wenn unschuldige Tiere nach einem Schauprozess hingerichtet werden, wenn das alte Schlachtross "Boxer", ein Held der Arbeit wie der legendäre Stachanow, nur wurde das arme Vieh nie dekoriert, nach einem Unfall an einen Abdecker verhökert und in den sicheren Tod transportiert wird, dann setzt der Film unerwartete Regungen von Wut und Mitleid mit der geschundenen Kreatur frei.
Und Wut kommt hoch, wenn hinterher Quieker, die falsche kleine Sau, im Dienste der tyrannischen Propaganda Trauer heuchelt. Dann saufen sie Schnaps, die Schweine, mit dem Geld, das ihnen der Verkauf des Arbeitstiers eingebracht hat.
Noch verwunderlicher: "Der Aufstand der Tiere" hat sich, angesichts heutiger oder gerade erst untergegangener Diktaturen ein hohes Mass an Aktualität bewahrt, weil der Film ständig neue Assoziationen auslöst.
Wer würde da nicht an Wandlitz, das Refugium der einstigen DDR-Bonzen denken, wenn sich die neuen Machthaber der "Animal Farm" privilegiert und bequem im Haus des Bauern einrichten. Wem fällt bei jenem prophetischen Bild, das die Farm der Tiere von hohem Stacheldraht umgeben und nur durch einen Checkpoint zugänglich zeigt, nicht der Eiserne Vorhang ein? Oder die überall herumhängenden Porträts des obersten Schweins? Die Bilder und Motive gleichen sich, egal wie die Tyrannen heissen.

 
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