Das Ende einer Machtmaschine
Diesen September tanzte er mit seiner Frau Silvia am Presseball, als irgendein schlecht tanzender Anfänger ihm auf die Lippe schlug. Erst machte er einen Witz, aber das Blut stoppte nicht. Lange vor allen anderen verliessen die Blochers vor Mitternacht den Ball. Es war der erste böse Schlag in einem bösen Herbst. Noch ein Jahr zuvor funkelte alles vor Triumph; Christoph Blocher war Bundesrat, seine SVP hatte die Wahlen gewonnen, die Blochers tanzten bis tief in die Nacht.

Damals sagte sein Bruder, der Bundesrat sei ein Gefängnis, aber Christoph der Gefängnisdirektor. Und Ueli Maurer erklärte, die SVP Zürich dominiere heute die SVP Schweiz total - dank dem «beispiellosen Vorbild Christoph Blocher». In diesen Tagen sah man Christoph Blocher fast entspannt: Er trug das Lächeln einer gut gefütterten Katze.

Heute trägt er den Ausdruck eines alten Boxers. Inzwischen abgewählt, bewirbt sich der Alt-Bundesrat erneut - ohne zählbare Chance. Dafür mit Konkurrenz in der eigenen Partei. Neben ihm kandidiert in der SVP ein lächerlich grosser Haufen für den Bundesrat: darunter ein Lastwagenchauffeur und ein Masttierzüchter.

Der ehemals gefürchtetste Politiker der Schweiz verbreitet nun Schrecken vor allem im engsten Kreis seiner Getreuen, die als Einzige noch nicht wagen, gegen ihn anzutreten. Wie ein Verkäufer muss er sich selber als «Nummer eins» loben.

So also sieht der Verlust von Macht aus: Galt Blocher noch vor kurzem als grosser Redner und genialer Stratege, so raunen seine Fraktionsmitglieder nun von «langen unklaren Reden», ärzte analysieren öffentlich seinen Geisteszustand, kleine Tiere der eigenen Partei verbeissen sich in seine Zehen. Es ist ein bitterer Kampf. Umso bitterer, als dass Christoph Blocher die wuchtigste Machtmaschine des Landes aufbaute: In vierzig Jahren schaffte er eine Multikarriere zum Milliardär, Parteiführer, Oberst, Industriellen, Doktor, Familienvater und konservativen Intellektuellen.Wie schaffte er das? Und warum fliegt ihm die Maschine nun um die Ohren?

Die erste Gelegenheit nutzte er. «Christoph Blocher brach in die Firma ein wie ein Eber in einen Kartoffelacker», sagte ein Mitarbeiter später. Blocher war damals 29 Jahre alt. Er war Rechsstudent, arm, gerade verheiratet, und ein Schulfreund hatte ihn seinem Vater vorgestellt: Heinrich Oswald, dem Besitzer der Ems-Chemie. Der fremde junge Jurist imponierte dem Vater auf den ersten Blick. Er stellte ihn als Rechtskonsulent ein, und bald stand er dem Fabrikanten näher als seine drei Söhne. Innert drei Jahren war Blocher Direktor der Ems-Chemie.

Einige Jahre darauf starb Vater Oswald. Seine Söhne wussten nicht, was tun. Der junge Chef Blocher malte die Zukunft in düsteren Farben - kaum Eigenmittel, miserable Marktchancen. Bald waren die Söhne bereit zum Verkauf. Sie gaben Blocher den Auftrag, einen Käufer zu suchen. Blocher fand einen ungenannten Investor und empfahl dringend den Verkauf. Einige Wochen später stellte sich heraus, dass die Person, die den Konzern so düster beurteilt hatte, nicht nur dieselbe Person gewesen war, die den Käufer gesucht hatte, sondern auch dieselbe Person, die ihn gekauft hatte: Christoph Blocher. Und es war auch dieselbe Person, die den Kaufpreis ausgehandelt hatte: 20 Millionen Franken für einen Konzern, dessen innere Werte die Presse damals auf 80 Millionen Franken schätzte.

Christoph Blocher, der sich mit 20 Millionen verschulden musste, sprach immer von «schlaflosen Nächten», «meinem mutigsten Entscheid». Aber es war auch sein bester: Kaum waren die Gebrüder Oswald ausgekauft, florierte der Konzern. Der mausarme Pfarrerssohn war nun Industrieller.

Es folgten ruhige, arbeitsame Jahre; Blocher wurde 1977 Parteipräsident der Zürcher SVP, 1979 Nationalrat - und blieb unauffällig. Seinen ersten grossen Abstimmungskampf (gegen die Besserstellung der Frau im neuen Eherecht) verlor er deutlich, dafür machte er sich bei der Beerdigung des Atomkraftwerkes Kaiseraugst einen Namen als Kompromisspolitiker: Blocher erkannte, dass das Projekt keine Chance hatte und schlug möglichst viel Entschädigung für die Energiekonzerne heraus.

Dann fiel die Berliner Mauer, und in der Euphorie plante die Schweiz, dem EWR beizutreten. Alle waren dafür: die Presse, linke und bürgerliche Parteien, die Industrie. Es war die zweite Geburt des Politikers Blochers. Allein gegen alle tourte er Monate durch Säle, investierte eine Million, schickte Klarstellungen in alle Haushalte: Am Ende gewann er die wichtigste Abstimmung des Jahrzehnts mit 50,3 Prozent. Am Abstimmungsabend, als die halbe Schweiz feierte und die andere deprimiert war, ging Blocher zu Tode erschöpft um halb acht ins Bett. Ein halbes Jahr verschwand er aus der öffentlichkeit.

Dann kam er zurück und änderte das Land für immer. In den Jahren zuvor hatte er die ehemals harmlos dahindümpelnde Gewerbepartei SVP mit Programmtag nach Programmtag zu einer fitten Organisation gemacht. Nun nutzte er sie. Eine radikal neue Art von Politik warf die restlichen Parteien aus der Bahn: ein Dauerwahlkampf von «Puurezmorge», Pressekonferenzen, Inseraten. Und das mit groben, aber präzisen Schlagworten: «Linke und Nette», «Sozialschmarotzer», «Heimatmüde», «die in Bern», «Weichsinnige», «Expertokraten», «Scheininvalide».

Die Angegriffenen antworteten mit Empörung und Protest - sie wurden eine leichte Beute der entschlossen vorbereiteten Parteiarmee SVP. Durchgedacht und durchgedrückt wurden vor allem die Parolen: Jedes Problem, jede Lösung war in harter Arbeit auf drei Sätze heruntergefeilt worden. Mit diesen konnte auch der dümmste SVPler auf Parteilinie argumentieren. Das beeindruckte. Auch wenn selbst die klügsten bald alle gleich klangen.

Blochers Beute wurden die Freisinnigen. Das Zürcher Bürgertum war gemütlich geworden von 100 fetten Jahren Regentschaft über die Schweiz. Nun hieb ihnen die SVP ihre alte Parole «Mehr Freiheit - weniger Staat» um die Ohren. Der Freisinn, der den Staat ja geführt hatte, spaltete sich in verwirrte Staatstragende und verwirrte Staatsabbauer - als gemeinsame Basis blieb nur die Verwirrung.

Aber auch im Geschäft liess Blocher die Bürgerlichen zittern - erst vor Angst, später vor Gier. Einer seiner wenigen ebenbürtigen Partner seiner Karriere war ein blasser Bankier namens Martin Ebner. Sie trafen sich an der Uni. Wie Blocher war Ebner ein Rebell. «Ich bin 68er - nur von der anderen Seite», sagte Blocher später. Tatsächlich hatte er in der linken Universität den konservativen Studentenring gegründet. Dort lernte er Ebner kennen. Beide verachteten die Linken - aber auch das Establishment: «die bürgerliche Dekadenz».

Beide wählten die Strategie, gegen den Strom zu schwimmen. Blocher tat dies etwa, indem er ein linkes 68er-Propaganda-Rezept für die SVP übernahm: die Wucht der Provokation. Je mehr «Anständige» sich über eine Frechheit empörten, desto bekannter wurde die Frechheit. Und desto leidenschaftlicher wurden die Anhänger. Man durfte nur nie die Nerven verlieren und sich entschuldigen. Sondern man setzte eine weitere Frechheit drauf.

Ebner dagegen importierte. Er importierte die neusten Finanzinstrumente aus Amerika - Optionen und Derivate. Und den neusten Trick: Aktien von unterbewerteten Firmen im grossen Stil aufzukaufen, dann das Management zwecks höherer Rendite unter Druck setzen, dann die Aktien mit Gewinn abstossen. Die Freunde Blocher und Ebner spielten dieses Spiel über die Jahre mit mehreren Firmen: Bank Leu, Sandoz, ABB, Alusuisse, Roche, Winterthur. Längst war die Ems-Chemie unter der Mithilfe Ebners zur Hälfte eine lukrative Finanzboutique mit eingebauten Steuersparvehikeln. So machte Blocher seine erste Milliarde.

Die grösste Schlacht war aber diejenige um die Schweizerische Bankgesellschaft (SBG). Es war der brutalste, schmutzigste Wirtschaftskrieg, den die Schweiz je gesehen hatte. Grossaktionär Ebner und der SBG-Verwaltungsrat Blocher verlangten unter dem Kampfbegriff «Shareholder Value» von der SBG Verkauf von Abteilungen, mehr Rendite, einen kleineren Verwaltungsrat. Die SBG wehrte sich und warf Blocher raus. Dieser schwor Rache. Der Kampf tobte zum Entsetzen braver Bürger drei Jahre durch Presse, Gerichte und Aktionärsversammlungen: Am Ende gewann schwach und blutend die Bank, die bald vom Bankverein übernommen wurde.

Ebner und Blocher verloren den Kampf; dafür gewannen sie bei der Fusion viel Geld; und sie gewannen den Krieg der Ideen - Shareholder Value mit seiner Forderung nach schlanken Firmen mit mindestens 15 Prozent Eigenkapitalrendite wurde breit akzeptierte Norm. Die Akzeptanz dafür blieb - selbst nachdem die Internet-Blase 2001 platzte, Ebner fast Pleite ging und von seinem Freund Blocher gerettet werden musste. Erst nach der Kreditkrise 2007 geriet die hohe Eigenkapitalrendite in Verruf.

Blochers bleibendstes Vermächtnis ist sicher sein neuer Stil in der Politik: ohne Rücksicht auf Verluste. Ohne ihn gäbe es keine straffe Organisation der SVP, keinen Dauerwahlkampf, kein Ultimatum wie jenes von 2004, das ihn in den Bundesrat brachte. «Ich führe eine Offensive gegen die herrschende politische Kultur. Die will ich zerstören. Die muss man zerstören», sagte Blocher etwa am Wahlabend 1999.

Kein Wunder, hat er wie jeder ernsthafte Rebell Feinde. Man bekämpfte, beschimpfte, belächelte, ignorierte ihn. Er überlebte alles. Nur wie? Christoph Blocher ist ein schillernder Mensch: Bauernknecht, Ehemann, Chef, Oppositionsführer, Minister, Kunstsammler, Hobbyzauberer für seine Enkel. Das sind viele Hüte. Doch wer steckt darunter? Am ehesten sagt das Blocher selbst: «Ich habe erst immer im Nachhinein studiert. Ich habe gehandelt.» Und sieht man auf Blochers Taten, zeigt sich eine Sache immer: Was immer er anstellte, am Ende wuchs seine Macht.

In der Tat kann man von Blocher sehr viel über Macht lernen: etwa sein Timing, nicht dauernd präsent zu sein, sondern sich zurückzuziehen, zuzuschlagen, die Wirkung nachbeben zu lassen. Oder die Gelassenheit gegenüber böser Presse: «Dreck soll man nicht abwischen, sondern antrocknen lassen. Irgendwann hat man einen Panzer.» Am Unwiderstehlichsten ist wohl die schamlose Wucht, mit der Blocher Bundeshaus und Chefbüros stürmte: In diesem friedlichen Land folgten auf diesen Machtwillen nur Unglauben, Panik, Kapitulation.

Wie der Protestant Blocher innen funktioniert, hat er oft geschildert. Sein Glaube an die «Erlösung» Gottes und einen «Auftrag». Dann das Ringen mit seinem Engel: Wie er Nächte lang wach liegt, sich fürchtet, zweifelt - und dann umso unbedenklicher handelt. Amateure der Macht verdrängen Zweifel und Furcht; Könner benützen sie als nie versiegenden Treibstoff ihres Motors.

Am heftigsten warnte Blocher immer vor dem Erfolg. «Freuen Sie sich nach Ihrem Wahlsieg?», fragten die Journalisten jeweils. «Nein. Ich habe Angst», knurrte Blocher. «Die Verantwortung ist gewachsen.» Misstrauisch warnte er seine SVP-Leute vor Bequemlichkeit, Posten und der Sehnsucht nach Lob. Misstrauisch bezeichnete er seine Erfolge als Last. Misstrauisch begab er sich als Bundesrat ins Gefängnis nach Bern.

Und dann erwischte es ihn doch. Nach dem Wahlsieg 2007 liess er sich an SVP-Anlässen feiern, er veröffentlichte ein Handbuch mit seinen Führungsprinzipien, es gab Fotos mit Strohhut am Pool und mit Silvia vor der Limousine. «Es taget!», sagte er fröhlich bei einer Pressekonferenz, sprach von einer «konservativen Revolution». Und tatsächlich: Seine Wiederwahl schien unbestritten. Und plötzlich hörte man, in Salons und Redaktionen, einen neuen, warmen Ton, wenn von ihm gesprochen wurde: Alles hatte er sicher nicht schlecht gemacht, oder?

Beflügelt gab sein Bruder ein Interview, wie stolz er war, dass Christoph all die Feiglinge in Bern niedergekämpft hatte. Und die SVPler fanden es an der Zeit, ihre Bündner Parteigenossen zu demütigen. Die Revolte kam dann von den Parteien, die er längst besiegt glaubte. Wer hätte gedacht, dass die SP organisieren konnte? Wer, dass die CVP Mut hätte? Und wer, dass jemand in der SVP wagte, gegen ihn zu kandidieren? Was Blocher stürzte, war eine Revolte derer, die er beleidigt hatte: Sie entstand über Nacht und zerfiel sofort nach seinem Sturz.

Aber sie brachte ihn um. Denn für seine Abwahl hatte der ewig Misstrauische nichts vorbereitet. Kein Konzept für eine Opposition, nichts. Chaos brach aus um die Personenfreizügigkeit, Chaos um Parteiausschlüsse, Chaos herrscht bei der jetzigen Bundesratswahl. Nur eines bleibt: Dieser Mann, alt und angeschlagen, mit fast nur noch seiner Frau als Verbündeter, der zäh, chancenlos, furchtlos, rücksichtslos um das kämpft, worum er immer kämpfte: um die Macht.

 
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